Am 1. Mai werden sie hier draußen vor dem Volkshaus den "Kampf auf die Straße" tragen. Werden Gewerkschaften und Genossen zum "Sturm auf die Festung Schweiz" blasen. Gegen das Kapital. Gegen die Wirtschaft. Gegen die Bosse.

Eine Woche zuvor besucht der Boss der Bosse das ehemalige Arbeiterquartier. Valentin Vogt, 53, Präsident des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, steht an einem metallenen Bistrotisch. Weißes Hemd, dunkelrote Krawatte. Das Jackett hat er abgelegt. Zwei lange Stunden diskutiert er auf dem Podium über die Frage, die ihn und die Seinen zurzeit am stärksten umtreibt: Braucht das Land einen gesetzlichen Mindestlohn?

Am 18. Mai kommt die Volksinitiative der Gewerkschaften "Für den Schutz fairer Löhne" zur Abstimmung. Wird sie angenommen, kriegt jeder Arbeitnehmer mindestens 4.000 Franken Lohn im Monat oder 22 Franken in der Stunde. Egal, was er tut und wo er seine Arbeit verrichtet: im teuren Zürich oder im günstigen Delsberg. Das wäre Weltrekord.

Für die Wirtschaft und die bürgerlichen Parteien ist es eine "Schicksalsabstimmung". Das "Erfolgsmodell Schweiz" sei in Gefahr.

Es ist kurz nach neun Uhr, als Valentin Vogt in der Volkshaus-Bar ein Panasch sauer bestellt. Rundherum Szenis und Bobos. Der Arbeitgeberpräsident sagt: "Im Moment besteht unsere Arbeit darin, sicherzustellen, dass die Standortvorteile der Schweiz erhalten bleiben. Es wäre aber wichtig, dass wir wieder proaktiv Verbesserungen lancieren könnten".

Doch das wird dauern. Denn die Schweizer Wirtschaft und ihre Spitzenverbände haben ein Problem: Das Volk vertraut ihnen nicht mehr vorbehaltlos. Ihre Macht bröckelt.

Mit einer Zweidrittelmehrheit nahmen die Schweizer im März 2013 die Abzocker-Initiative an. Obschon die Wirtschaft mit viel Kampagnengeld vor ihr gewarnt hatte. Und ein Jahr später, am 9. Februar 2014, sagten die Bürgerinnen und Bürger Ja zur Masseneinwanderungsinititaive der SVP. Sie schlugen alle Warnungen in den Wind, dass sie damit den Wirtschaftsstandort schwächen und den eigenen Wohlstand gefährden.

Und Vogt, der nicht nur Verbandspräsident ist, sondern auch Miteigentümer und Präsident beim börsennotierten Industrieunternehmen Burckhardt Compression, er sagt:

"Die Wirtschaft hat viel Vertrauen verspielt, das müssen wir zurückgewinnen."

Wie soll das gehen?

"Das braucht Zeit und unter anderem etwas Demut."

Also genau das, was in den Boomjahren fehlte. Da war zum Beispiel der Skandal um Percy Barnevik, den Verwaltungsratspräsidenten von ABB und ersten Abzocker des Landes. Er hatte sich vor seinem Abgang im Jahr 2002 eine Rente von 148 Millionen Franken zugeschanzt. Oder Brady Dougan, CEO der Credit Suisse, und sein rekordhoher 90-Millionen-Bonus. Oder Novartis-Chef Daniel Vasella und seine Stillschweigemillionen.

Es waren aber nicht nur Einzelmasken und ihre Saläre, die dem Ruf der Wirtschaft schadeten. Ob Swissair-Grounding oder Beinahe-Crash der UBS: Da versagte eine ganze Managergeneration, da verstand die Bevölkerung immer weniger, was die Herren auf den Teppichetagen eigentlich trieben, und da konnten die dort oben nicht nachvollziehen, weshalb man sich über ihr Tun empörte.

Die Entfremdung hatte System.

Von der Empörung zum Gesetz ist nur ein kurzer Weg in der Schweiz

Die tonangebenden Wirtschaftsführer hatten sich seit den späten neunziger Jahren aus der Politik verabschiedet. Bundesbern wurde für sie zur Quantité négligeable. Und wenn sie sich doch einmal ins Hohe Haus bemühten, belehrten sie die Parlamentarier: Schaut auf uns, auf unsere Banken, Pharmariesen und Versicherungen. Von uns könnt ihr lernen.

Doch in ihrem Machtrausch vergaßen die Ospels und Vasellas, wie ihr Land tatsächlich funktioniert.

"Der Weg von der Empörung zum Gesetz ist nirgends so kurz wie in der Schweiz", sagt Arbeitgeberpräsident Vogt. "Wer nicht mitmacht, über den wird bestimmt."