Vor einigen Jahren, bevor die letzte innenarchitektonische Revolution der ZEIT eine neue Einrichtung bescherte, war in den Redaktionsräumen noch immer der alte gelbbraune Schrank zu besichtigen. In ihm versteckte sich am Abend des 26. Oktober 1962 Spiegel-Redakteur Leo Brawand, als die Polizei anrückte, Papiere aller Art beschlagnahmte, hektisch nach Augstein, Ahlers und Jacobi fahndete und damit die Spiegel-Affäre auslöste. Am Hamburger Speersort, dort, wo früher auch der Spiegel residierte, war der Schrank so etwas wie die letzte Erinnerung an die heroische Zeit des Journalismus.

Damals war die Pressefreiheit noch etwas, das erkämpft und verteidigt werden musste, nichts Selbstverständliches, wie heute, da die Presse mit den Nebenwirkungen ihrer Freiheit zu hadern beginnt. Es gab Gut und Böse, Recht und Unrecht, Demokratie und Macht, und wer nicht gerade bei Springer unter Vertrag stand, sonnte sich auf der richtigen Seite.

Aus dieser alten Zeit, überzogen gewissermaßen von historischem Edelrost, erzählt nun die ARD die Geschichte der Spiegel-Affäre als sehenswertes Fernsehspiel (7. Mai, 20.15 Uhr im Rahmen des ARD-Themenabends zur Spiegel-Affäre, 2. Mai um 20.15 Uhr auf Arte Vorabausstrahlung des Spielfilms). Es treten Journalisten auf, wie es sie glücklicherweise nicht mehr gibt: Die Räume waren blau vom Rauch ihrer Zigaretten, der Dujardin kam schon mittags auf den Tisch, und die Sekretärinnen erhielten freundlich gemeinte Klapse auf den Po.

Es treten auch Politiker auf, die es zum Glück nicht mehr gibt, wie der Verteidigungsminister Franz Josef Strauß, der gelegentlich Rechtsstaat Rechtsstaat sein ließ, falls es um seine Macht und sein Vermögen ging. Adenauer, die schlaue tausendjährige Schildkröte, für die eine Republik ohne Adenauer nicht denkbar war, zergrübelte Staatsanwälte, die "den Staat" beschützten und ihn unwillentlich beschädigten.

Die Erinnerung verklärte die Spiegel-Affäre zu einem Markstein der Bundesrepublik: Erst als die Staatsmacht davon abließ, das "Sturmgeschütz der Demokratie" (Rudolf Augstein) zu verstopfen, war die Presse im Land wirklich frei. Der Film zeigt, dass es wahrscheinlich weniger heldisch zuging und dass die Motive der Handelnden – sämtlicher Beteiligter – nicht unbedingt am Wohl der Allgemeinheit ausgerichtet waren.

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Den politischen Kern der Aufregung bildete eine eher langweilige, vom Herausgeber Augstein denn auch benörgelte Geschichte über das Nato-Manöver "Fallex 62". Die Bundeswehr, so Bonn-Korrespondent Conrad Ahlers damals, sei zu schwach für eine konventionelle Kriegsführung, was Verteidigungsminister Strauß gezielt nutzte, um seine Politik der atomaren Bewaffnung Westdeutschlands voranzutreiben. In dem Bericht stand nicht viel Neues. Doch die Welt befand sich gerade in der Angststarre der Kuba-Krise, Ost und West waren kurz davor, mit ihren Atom-Drohungen ernst zu machen. Eifrige Juristen witterten deswegen Geheimnisverrat. In einer beispiellosen Aktion wurde die Redaktion des Spiegels durchsucht, ihre Chefs inhaftiert. Beispiellos damals aber auch die öffentlichen Proteste gegen die Behördenwillkür. Die Aktion brach zusammen, das Nachrichtenmagazin war hinterher einflussreicher und profitabler denn je.

Doch die Sache hatte noch einen anderen Hintergrund. Für den interessiert sich der Film besonders. Augstein und Strauß waren all die Jahre zuvor in herzlicher Feindschaft verbunden gewesen, als Strauß 1962 die Polizei vorbeischickte. Der Bayer wollte Adenauer beerben und damals zum ersten Mal Kanzler werden – das wollten die Hamburger um jeden Preis verhindern. Fünf Jahre vorher hatten sich Minister und Redakteure zum Besäufnis getroffen. Der Abend endete in einem Fiasko. Seither herrschte auch ein ganz konventioneller Privatkrieg.

Sebastian Rudolph spielt einen unsympathischen Augstein, einen flapsigen Zyniker und Egoisten, dem die Frauen so egal sind wie seine Meinung von gestern. Dass die Presse einen Politiker gezielt und mit langem Atem zur Strecke bringt, ist vermutlich Augsteins Erfindung. Ganz toll ist Francis Fulton-Smith als Strauß – polternd, treudeutsch, ein bisschen hinterfotzig, dann aber immer wieder selbst rechtschaffen empört über die Machenschaften seiner Feinde und Freunde, Politiker-Urgestein, auch das muss man spielen können. Was freilich fehlt, ist das Fiese und Verschlagene, das der echte Strauß auch hatte.

Alle anderen Akteure bleiben irgendwie blass. Frauen spielen in dieser Geschichte ohnehin keine große Rolle, und die Journalisten sind hier aufgeregt wuselnde Jungs, die Beaglemeute der Investigation. Der Verteidigungsminister musste damals übrigens zurücktreten. Der Spiegel hatte einen Kanzler Strauß verhindert, seine weitere politische Karriere konnte er nicht aufhalten. Aber das Blatt hatte seinen Mythos. Ob die Affäre im Rückblick für Bürgerfreiheit und Demokratie wirklich entscheidend war, ist eher zweifelhaft. Das öffentliche Klima hatte sich doch schon spürbar verändert. Adenauers Zeit war vorbei, die Republik wurde langsam liberaler, transparenter, selbstbewusster. Ein Katalysator war die Spiegel-Affäre allemal. Die ARD hat daraus solides Politainment gemacht. Und etwas davon hatte die Sache schon damals.

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