Es ist einer der skurrilsten Bestseller in der Geschichte des Buchmarkts. Das Werk: knapp 700 Seiten Wirtschaftslehre. Der Autor: ein linker französischer Wirtschaftsprofessor. Nicht unbedingt das Material also, aus dem Kassenschlager gemacht sind – und schon gar nicht in den USA. Trotzdem: Capital in the Twenty-First Century, das monumentale Debüt des Pariser Ökonomen Thomas Piketty, war vergangene Woche das meistverkaufte Buch beim Onlinehändler Amazon. Piketty ist ein Überraschungserfolg gelungen, eine Art Fifty Shades of Grey der ökonomischen Literatur.

Als die ZEIT (Nr. 11/14) das Buch Anfang März zum Erscheinungstermin der englischen Ausgabe vorstellte, nahm noch kaum jemand davon Notiz. Inzwischen haben es alle großen internationalen Blätter ausführlich besprochen. Piketty hat mit dem amerikanischen Finanzminister diskutiert und beim Internationalen Währungsfonds vorgetragen.

Dabei hat er nicht weniger als den ultimativen Abgesang auf den Amerikanischen Traum verfasst, auf die Idee also, dass es jeder ganz nach oben schaffen kann, wenn er sich nur anstrengt. Pikettys durch Quellen und Daten aus vielen Jahrhunderten untermauerte These lautet, dass die Erträge aus der Anlage von Kapital über dem Arbeitslohn liegen. Wer hat, dem wird gegeben. Und wer nichts hat, der kann es – von Ausnahmen abgesehen – nie ganz an die Spitze schaffen.

Chancengleichheit, Leistungsgerechtigkeit, eine breite Mittelschicht – all das ist demnach Produkt einer einmaligen historischen Konstellation nach dem Zweiten Weltkrieg, in der die Kräfte des Marktes eingehegt wurden. Und wenn die Politik das verloren gegangene Terrain nicht zurückerobere, dann verliere die Demokratie ihr ökonomisches Fundament.

Piketty entwickelt – das ist das erste Geheimnis seines Erfolgs – diese These ohne die in der ökonomischen Literatur üblichen mathematischen Gleichungen. Für den Fachmann ist das das große Manko des Buches, für den Laien wird es dadurch lesbar.

Zudem kommt es – das zweite Geheimnis – genau zur richtigen Zeit. Das oberste Prozent vereinigt in den USA inzwischen fast ein Viertel des gesamten Volkseinkommens auf sich, mehr als doppelt so viel wie in den sechziger Jahren. Die Ungleichheit hat Ausmaße angenommen, die selbst den in solchen Dingen toleranten Amerikanern zu weit gehen.

Ob sich durch das Buch "die Art und Weise ändert, wie wir über die Gesellschaft denken", – so hofft der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman – ist keineswegs ausgemacht. Bislang verkauft es sich vor allem an der Ostküste. Dort also, wo Amerika ein wenig wie Europa ist – und wo die schleichende Oligarchisierung der Gesellschaft schmerzlicher empfunden wird als in Texas oder Arizona.

In Europa hat das Buch zudem viel weniger Aufmerksamkeit erregt. Was wohl daran liegt, dass die Ungleichheit hier zwar ebenfalls zugenommen hat, im Vergleich zu den USA aber geradezu sozialistische Verhältnisse herrschen. Und daran, dass Pikettys These für ein europäisches Publikum weniger überraschend ist. Denn dass der Kapitalismus ungerecht ist – davon dürften in Deutschland oder Frankreich ohnehin die meisten ausgehen.