1988 gab es schon einmal eine internationale Schriftstellerkonferenz unter dem Motto "Ein Traum von Europa". Sie nahm vieles von dem vorweg, was ein Jahr später die weltpolitische Lage umkrempelte. In diesem Jahr treffen sich am 8. Mai wieder 30 Autoren aus über 20 Ländern in Berlin zu einer Europäischen Schriftstellerkonferenz, um den "Traum von Europa" weiterzuträumen. Initiiert wurde die Konferenz von den Schriftstellern Mely Kiyak, Nicol Ljubić, Antje Rávic Strubel und Tilman Spengler sowie dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der hier bereits mit zwei der Teilnehmer diskutiert.

DIE ZEIT: Während in der Bevölkerung Europa-Überdruss herrscht, ist mein Eindruck, dass es unter den Schriftstellern nur euphorische Pro-Europäer gibt. Sind Schriftsteller geborene Europäer?

Mely Kiyak: Mein Eindruck ist das gar nicht. Ich kenne Autoren, die europaskeptisch sind, die am liebsten den Euro abschaffen würden und die zunehmend rechtes Gedankengut in ihr literarisches Programm aufnehmen.

ZEIT: An wen denken Sie da?

Kiyak: Zum Beispiel an Leon de Winter, Ralph Giordano oder Richard Wagner. Letzterer begreift Europa explizit als christliches Abendland. Es ist wohl eher so: Man hat es gerne, wenn Schriftsteller die Europaliebhaber geben und das verkaufen, was die Politik da macht, in der Hoffnung, dass es dann irgendwie unangestrengter, unterhaltsamer klingt, als wenn ein Politiker von Wirtschaftswachstum und Sicherheit spricht.

ZEIT: Deshalb hat sich in den vergangenen Jahren die Formulierung durchgesetzt, Europa brauche ein neues Narrativ. Können Schriftsteller die ideelle Attraktivität von Europa lebendiger machen?

Frank-Walter Steinmeier: Der "Traum" von Europa steht nicht für Entrücktes, sondern er trägt uns auch über Phasen der Ernüchterung und Enttäuschung. Kultur ist doch zumindest ein, wenn nicht der Anziehungspunkt von Europa! Die Grundlage dafür ist die Freiheit von Kunst und Kultur. Schriftsteller sollten sich nicht instrumentalisieren lassen. Was ich allerdings manchmal vermisse, ist eine Debatte über Europa jenseits der Politik.

ZEIT: Die Idee Europas als Zukunftsprojekt war ja schon einmal stärker in den Herzen verankert.

Steinmeier: Außerhalb Europas erlebe ich immer wieder, wie junge Menschen, auch Künstler und Schriftsteller, noch von Europa träumen und beflügelt werden. Alles, was für uns selbstverständlich ist, steht dort vielerorts für eine Sehnsucht und ganz konkrete politische Forderungen. Ein anderes Bild haben wir in der Tat, wenn wir in die Länder der Europäischen Union schauen. Hier wird Europa zunehmend als Zumutung wahrgenommen. Diese negativen Assoziationen mit Europa müssen wir überwinden. Dafür müssen wir die in den letzten Jahren immer größer gewordene Distanz zwischen Kultur und Politik verringern. Politik muss der Kultur wieder zuhören, und Kultur sollte ihrerseits bei praktischen politischen Fragen das Wort erheben. Mein Gefühl ist, dass die Bereitschaft unter Künstlern, sich politisch zu engagieren, eher nachgelassen hat.

Kiyak: Der Schriftsteller spricht erst einmal für sich. Die Politiker organisieren den Staat, die Schriftsteller reflektieren die Gesellschaft. Allerdings beobachte ich auch, dass es bei bestimmten Diskursen so eine merkwürdige Verstummung gibt und dann nur noch Politiker sprechen. Das hängt mit der Sorge der Schriftsteller zusammen, sich für politische Zwecke vereinnahmen zu lassen und den Leser damit zu verstören.

ZEIT: Kann es sein, dass man als russischer Schriftsteller automatisch viel politischer ist, weil das System seinerseits nicht so gleichgültig reagiert?

Michail Schischkin: Russland ist schon ein besonderes Land, und russische Schriftsteller sind ein besonderes Volk. Mir kommt es merkwürdig vor, wenn wir in diesen Tagen abstrakt über Europa und Kultur diskutieren. Heute ist Europa ein Schiff, und der Krieg ist schon da, und da kommt schon ein Torpedo – wir wissen nicht, ob der Torpedo das Schiff Europa erreicht oder nicht. Wir wissen nicht, was morgen geschieht. Die Leute, die diesen Torpedo schicken, das sind auch Schriftsteller! Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Schriftsteller in Russland die Annexion der Krim in einem offenen Brief an Putin unterstützt haben. Sie können sich die aufgeladene Atmosphäre in Russland nicht vorstellen. Seit Jahren wurde das Fernsehen in Russland zu einem Massenvernichtungsmittel gemacht, und viele Schriftsteller haben da gerne mitgewirkt. Das Fernsehen vernichtet die Seelen und vernichtet die Gehirne der Menschen. Wenn ich sehe, wie die Menschen in Russland weinend den Anschluss der Krim bejubeln und die Trikolore schwenken und schreien vor Glück, tut mir das weh, denn sie sind Opfer dieses Propagandakrieges. Die russische Regierung selbst ist schon zur Geisel ihrer eigenen Propaganda geworden. Sie haben den ersten Schritt auf der Krim gemacht, jetzt müssen sie den zweiten Schritt tun.

Steinmeier: Die Geister, die sie riefen, werden sie nicht wieder los. Hier waren Zauberlehrlinge der Propaganda am Werk.