Kürzlich führte der Politiker Arnold Vaatz seinen Parteifreunden im Bundesvorstand der CDU vor Augen, was da eigentlich gerade passiert. Man müsse sich, so Vaatz, mal vorstellen, Deutschland würde sich irgendwo ein Stückchen Land aneignen, sagen wir in der Gegend von ehemals Lemberg, heute Lwiw, in der Westukraine.

Man stelle sich ferner vor, Deutschland würde das dann nicht verstockt bestreiten oder zu verheimlichen versuchen, sondern Angela Merkel würde als Nächstes eine Militärparade dort abnehmen, so wie es der russische Präsident Wladimir Putin für den 9. Mai auf der Krim plant. Immer detaillierter schmückte Vaatz seine Fantasie aus. Angela Merkel musste lachen, erst ein bisschen, dann immer mehr, dann konnte sie kaum mehr aufhören. Wenn sie sich an die Szene erinnert, kann es vorkommen, dass die Kanzlerin in einen Lachanfall gerät.

Lachen kann entlastenden Charakter haben, als Ventil für übermäßige Anspannung, es kann als Waffe gegen Außenstehende verwendet werden und als Identifikationsmethode. Ein Lachkrampf ist ein Zeichen dafür, dass der Körper zeitweise die Macht über den Verstand übernimmt.

Die Ukrainekrise wirkt wie ein Katalysator, sie macht Abgründe deutlich und die vielen Widersprüche, mit denen Kanzlerin und Politik derzeit zu kämpfen haben: einer EU, die routiniert streitet, ob demnächst Martin Schulz oder Jean-Claude Juncker Kommissionspräsident wird, während mitten in Europa Menschen erschossen werden. Einer Staatengemeinschaft, die noch über die Anwendung der Spielregeln debattiert, während der Gegner längst das Spielbrett vom Tisch gefegt hat. Und einer Kanzlerin, die sich damit konfrontiert sieht, dass ihr wichtigster Verbündeter womöglich auch ihr größter Gegner ist: die deutsche Bevölkerung.

Die Kluft zwischen dem, was Merkel denkt, und dem, was sie tun zu können glaubt, ist größer geworden. Der Fall Ukraine berührt, was der Kern von Merkels Kanzlerschaft geworden ist: ihre außenpolitische Rolle, die Zukunft Europas.

Selten hat man beim Betrachten von Politik das Gefühl, dass gerade Geschichte geschrieben wird. Im Moment ist sie mit Händen zu greifen. Die kommenden Wochen werden darum auch Merkels Kanzlerschaft definieren. Angela Merkel ist keine, die sich in großen Reden ausdrückt. Man muss bei ihr eher auf die kleinen Worte achten, die Zwischentöne. Man muss ihr nachspüren.

Und was, denkt sie, wenn man Putin gar nicht mehr beeinflussen kann?

Ein "Konflikt um Einflusssphären und Territorialansprüche" finde derzeit statt, wie man ihn eigentlich überwunden geglaubt habe, sagte Merkel in ihrer Regierungserklärung am 13. März, zwei Tage nachdem Putin die Krim erobert hatte. Eine Woche zuvor hatte Merkel noch erklärt, Putin werde doch da nicht einmarschieren. Auch damals hatte sie gelacht, sie hatte die absurde Vorstellung weggelacht. Man hat nur Begriffe für das, was man sich vorstellen kann. Merkels Erklärungen der ersten Wochen waren deshalb auch ein Suchen nach Worten.

Inzwischen spricht der ukrainische Ministerpräsident Arseni Jazenjuk von einer "neuartigen Art der Kriegsführung", die Russland betreibe, der weißrussische Regierungschef Alexander Lukaschenko hat das auch gesagt. Das bedeutet: Krieg ohne Angriff. Man setzt auf Destabilisierung und sammelt die abbröckelnden Teile als Geländegewinne ein. Merkel sagt das nicht öffentlich, aber sie sieht es ähnlich.