Wenn es Abend wird in Winsen an der Luhe, steigen die Luckes auf ihre Fahrräder und radeln in die Dämmerung, um Wahlplakate abzuhängen. Es sind die Plakate der Alternative für Deutschland, Bernd Luckes Gesicht ist darauf abgebildet, er ist der Spitzenkandidat, ein schmächtiger Mann mit glatt rasierten Wangen und weißem Hemd. "Mut zu Deutschland" steht auf den Plakaten, "Der Euro ruiniert Europa" oder "Einwanderung braucht klare Regeln".

Es gibt Leute, die mögen die Plakate nicht und reißen sie kaputt, nachts, wenn es keiner sieht. "Ein schwerwiegender Angriff auf die Demokratie" sei das, sagt Lucke. Wahrscheinlich, vermutet die Polizei, stecke die linksextreme Antifa dahinter. Und weil die Polizei die Täter noch nicht fassen konnte und die Zerstörung weitergeht, holt Familie Lucke jeden Abend die Plakate von den Laternenpfählen und schafft sie nach Hause, in Sicherheit. Am nächsten Morgen hängen sie die Plakate wieder auf.

Seit Bernd Lucke, der Chef der Alternative für Deutschland, vor gut einem Jahr das politische Parkett betrat, fühlt er sich umzingelt von Ideologen: Die Linksextremen von der Antifa machen seine Plakate kaputt. Die brüsselhörige Kanzlerin will den Euro retten. Die Umverteilungspriester von der SPD wollen den Mindestlohn und die Öko-Apostel von den Grünen den Veggie-Day. "Altparteien" nennt Lucke sie, und Regierungspolitiker bezeichnet er als "Apparatschiks".

Bernd Lucke will anders sein. Bevor er Chef der AfD wurde, hat er Makroökonomie an der Universität in Hamburg gelehrt. Er sieht sich nicht als Politiker, sondern als Experte, als Fachmann, der von außen in den politischen Betrieb hineinruft, ohne selbst davon verschluckt zu werden. Wenn man ihn fragt, wo er die AfD verorten würde, weicht er aus. "Wir sind nicht rechts und nicht links, wir sind die Partei des gesunden Menschenverstands." Wo Politiker anderer Parteien von der Vision eines geeinten Europas reden, zitiert Lucke die Staatsschuldenquote von Griechenland. Wo sie nach Worten suchen, hält er eine Zahl bereit. "Das ist der neueste Stand der Wissenschaft", sagt er gern. Bernd Lucke will der Politik die "ideologischen Scheuklappen" nehmen.

Das klingt nüchtern und irgendwie vernünftig, das Problem ist nur: Es stimmt nicht. Lange hat es in der bundesrepublikanischen Politik keinen so verbissenen Ideologen gegeben wie Bernd Lucke. Luckes Ideologie ist der Glaube ans Expertentum; er entwertet das Politische und überhöht den Sachverstand, als könnte man alles auf eine mathematische Formel bringen, als gäbe es für alles eine Statistik, als könnte man die Zukunft eindeutig vorhersagen. In Luckes Welt sind Fachleute die besseren Politiker.

Ende April sitzt Lucke in seinem Garten in Winsen. Eine Kleinstadt, Wasser, Wiesen. Alles hier ist ruhig, besonders die Straße nah am Deich, in der Lucke mit seiner Frau und seinen fünf Kindern lebt. Ein Rotklinkerbau, gerade groß genug für eine siebenköpfige Familie. Lucke, 52, trägt ein kurzärmeliges, gestreiftes Hemd und eine kurze Hose. "Räuberzivil", sagt er und bittet an einen einfachen Holztisch. Die Sonne brennt, Lucke bietet Wasser an, er selbst trinkt nichts. Er wirkt asketisch und distanziert. Pragmatisch, anders als die Berliner Politiker mit ihren großen Gesten. Interviews, sagt Lucke, seien lästige "Randbedingungen in der Politik". Das Gespräch zeichnet er auf – mit Journalisten, sagt er, habe er schlechte Erfahrungen gemacht.

Wie ein Erlöser muss Bernd Lucke den enttäuschten Wählern vorgekommen sein, als er, der Volkswirtschaftsprofessor, im Februar 2013 die Alternative für Deutschland gründete. Die Finanzkrise und die Staatsschuldenkrise waren allgegenwärtig, im Fernsehen konnte man zuschauen, wie Politiker vor der Komplexität der Finanzmärkte kapitulierten. Es gab Abgeordnete, die stimmten für Milliardenkredite und wussten nicht, wofür das Geld später verwendet werden sollte. Die retteten den Euro und konnten nicht erklären, warum.

Dann saß plötzlich ein Ökonom in den Talkshows, der die Euro-Krise in einfachen Worten erklären konnte. Lucke stellt Fragen, die viele interessieren: Warum werden mit dem Euro auch die Banken gerettet? Warum müssen die Deutschen für die Griechen zahlen – obwohl vereinbart wurde, dass kein EU-Staat finanziell für den anderen einstehen muss?