Citroën C4 Cactus © Hersteller

Zwei Bauern in Stiefeln, ein Zentnersack Kartoffeln und eine Flasche Wein. Die Transportkapazität des Citroën 2CV, angeblich so vom damaligen Firmendirektor Pierres-Jules Boulanger eingefordert, gehört zum Gründungsmythos des Minimalautos. Alles Überflüssige sollte weggelassen werden und das Fahrzeug selbst von Ungeübten problemlos zu steuern sein. Der 2CV, im deutschen Volksmund Ente genannt, ist heute ein Stück Autogeschichte für Enthusiasten. Das Bedürfnis aber, das er befriedigt hat, bleibt: ein leicht bedienbares, lebenspraktisch orientiertes und bezahlbares Auto für jedermann. Citroën wagt jetzt mit dem C4 Cactus das Experiment, diese Einfachheit neu und modern zu interpretieren. Voilà: nouvelle simplicité für das 21. Jahrhundert!

Das neue Auto heißt Cactus, weil die Kaktuspflanze robust und genügsam ist. Das Auffälligste am ohnehin starken Auftritt des Citroën sind die seitlichen "Airbumps", ein in vier Kontrastfarben erhältlicher Schrammenschutz, der die üblichen Parkrempler ohne Lackschäden absorbieren kann. "Menschen wollen diese Elemente anfassen", sagt dazu Lutz Fügener, Professor für Transportation Design an der FH Pforzheim, "die Airbumps sind ein Symbol für die Multifunktionalität des Konzepts." Unkontrolliert rollende Einkaufswagen auf dem Supermarktparkplatz können diesem Citroën somit wenig anhaben. Mitfahrer wiederum profitieren davon, dass das Auto um 15 Millimeter hochgelegt ist. Das erleichtert nicht nur den Einstieg, sondern sorgt zugleich für mehr Übersichtlichkeit. Andererseits, und darin zeigt sich die kluge Konstruktion, ist er nicht höher als ein Golf VI und bietet der kraftvollen Optik zum Trotz wenig Angriffsfläche für den Wind.

Der Brite Mark Lloyd, verantwortlich für das Design der französischen Traditionsmarke, meidet darum konsequent das böse Kürzel SUV. Das Ich-zentrierte Image der geschrumpften Geländewagen passe nicht zu Citroën. "Smooth", geschmeidig, seien die Formen. Der Eindruck von Aggressivität solle unbedingt vermieden werden, und gleichzeitig sei es ihm wichtig, dass sich die Passagiere im Cactus "weniger zerbrechlich" fühlten. Das Wohlsein soll sich besonders im Innenraum einstellen: Die Sitze sind breit und verjüngen sich nicht nach oben hin. In den Versionen mit automatisiertem Schaltgetriebe wirken die vorderen Fauteuils wie ein Sofa. Bequem und im Härtegrad in der Mitte zwischen deutschem Sportsitz und der verschlingenden Weichheit eines Citroën CX angesiedelt.

Ins Moderne übersetzt hat Designer Lloyd auch ein simples Bedienkonzept. Es gibt nur wenige Knöpfe, alles ist intuitiv verständlich, und viele Funktionen sind – ähnlich wie beim Luxus-Elektroauto Tesla Model S – im Touchscreen über der Mittelkonsole kontrollierbar. Man hat den Eindruck, in einem hochwertig verarbeiteten, komfortablen und sympathischen Auto zu sitzen.

Der Cactus spielt die Optikkarte offensiv, und nur diejenigen werden sich für ihn interessieren, die Gefallen daran finden. Der Schlüssel zum Kunden aber ist die Verbindung aus Form und Bezahlbarkeit. Ab 13.990 Euro ist der C4 Cactus zu haben, der Preis der stärksten und am üppigsten ausgestatteten Version startet bei 22.490 Euro. Jeder möge selbst prüfen, wie viel Auto er dafür bei anderen Herstellern bekommt, sagen die Entwickler des Autos. Der Clou des Cactus jedenfalls ist das gekonnte Auslassen von dem, was Firlefanz ist, und das Resultat ist ein erstaunlich niedriges Leergewicht ab 965 Kilogramm. Die meisten Autos in der Klasse bringen leicht 200 Kilo mehr auf die Waage.

Natürlich hat die Gewichtsdiät ihre Kehrseite: Die Besitzer müssen kleine Abstriche hinnehmen. So sind die hinteren Fenster nicht kurbel-, sondern lediglich ausstellbar. Spart jeweils elf Kilogramm. Die Rückbank ist nur im Ganzen umzulegen: minus zwölf Kilogramm. Manche Lösungen sind mit Hirnschmalz reduziert: So sitzen die Spritzdüsen für die Scheibenreinigung im Wischer. Das spart so viel Wasser, das der Vorratstank von drei auf eineinhalb Liter verkleinert werden konnte – und wieder 1,5 Kilogramm weniger.

Citroën verzichtet auch darauf, dem Cactus zu viel PS unter die Haube zu packen. Das spart Ballast und Sprit. Das Gros der Kunden wird sich mutmaßlich für den Dreizylinder-Benzinmotor mit 1,2 Litern Hubraum (55 kW/75 PS oder 60 kW/82 PS) entscheiden. Die im Labor ermittelten Verbrauchswerte von 4,3 bis 4,6 Litern werden zwar wie üblich von der Realität überholt werden. Es ist dennoch nicht zu befürchten, dass angesichts der Rahmendaten das große Saufen beginnt. Wer mehr Geld beim Kauf ausgeben kann und will, hat als Option einen Dieselmotor (68 kW/92 PS oder 73 kW/99 PS) zur Wahl. Der Normverbrauch pendelt hier zwischen 3,1 und 3,6 Litern; echte Zahlen werden die Straßentests im Sommer ergeben. Wer es sich leisten kann, sollte außerdem 490 Euro ins Panorama-Glasdach investieren. Es verläuft unterbrechungsfrei über den gesamten Fahrzeughimmel und erhöht den luftigen Komforteindruck des Cactus deutlich.

Wortkarg wird Citroën-Designer Mark Lloyd nur bei der Frage nach der Konkurrenz. Eine Antwort findet er nicht, auch wenn ihm das Adjektiv "unvergleichlich" in britischer Zurückhaltung nicht über die Lippen kommt. Klar ist, dass viele Kaufwillige die überkommenen Maßstäbe der Autojournalisten, in denen Fahrzeuge ähnlicher Größe und mit ähnlichem Preis verglichen werden, für belanglos halten. Der Cactus bedient jene, die einfach nur mobil sein wollen, ohne überkandidelten Bedienstress und zu überschaubaren Kosten.