Julia Timm hat bei Aldi studiert, genauer: bei Aldi Süd. Paletten auspacken hat sie gelernt, das Sortiment kontrollieren, die Tageseinnahmen zählen. Was man bei einem Discounter eben so können muss. Zeitweise hat sie sogar eine Filiale geleitet. Daneben hat sie noch Seminare in Marketing und Vertrieb besucht. Am Ende gab es dafür einen akademischen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre. So könnte man Timms Studium darstellen und sich wundern, wofür man heute einen Hochschultitel bekommt.

Man kann es aber auch ganz anders beschreiben. Julia Timm hat einen der begehrtesten und anstrengendsten Studiengänge der Republik absolviert. Um den Studienplatz zu bekommen, musste sich die junge Frau gegen ein Dutzend Konkurrenten durchsetzen. Im Studium wechselten sich Theorie an der Hochschule und Berufspraxis im Unternehmen im Drei-Monats-Rhythmus ab. Statt üppiger Semesterferien gab es im Jahr nur sechs Wochen Urlaub – in dem die Studentin noch freiwillig Sprachkurse belegte.

Heute ist Timm 30, lebt in Frankreich und wickelt für ein Windenergieunternehmen Millionengeschäfte ab. Trotz ihres Discounter-Studiums? Eher deswegen, meint Julia Timm: "Ohne die frühe Praxiserfahrung wäre ich wohl nicht so rasch vorangekommen." Ohne ihren akademischen Titel aber sicherlich auch nicht.

Die Karriere verdankt Timm ihrem Ehrgeiz – und einem Studium an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW). Die Studenten absolvieren hier parallel eine Lehre und ein akademisches Studium. Am Ende haben sie zwei Abschlüsse, einen akademischen und einen beruflichen. Zwar ist der Anteil derer, die sich nach dem Abitur für ein Duales Studium entscheiden, noch gering: Er liegt bei vier Prozent. Doch keine andere Studienform in Deutschland wächst zurzeit schneller.

In der aktuellen Diskussion um den vermeintlichen "Akademisierungswahn" kommen die dualen Studiengänge dennoch kaum vor. Seit kürzlich bekannt wurde, dass erstmals mehr junge Menschen ein Studium beginnen als eine Berufsausbildung, fragen Politiker, Handwerkspräsidenten und Philosophieprofessoren mit besorgtem Unterton: Wofür braucht das Land so viele Germanisten und Juristen? Warum müssen jetzt auch noch Krankenschwestern und Kindergärtnerinnen an die Uni? Und wer soll in Zukunft unsere Brötchen backen und unsere Häuser bauen? Bisher, sagen sie, habe für die meisten Jobs doch eine Lehre gereicht, um deren Qualität uns die Welt beneide.

Akademische oder nicht akademische Ausbildung, Hochschule oder Berufsschule – von diesen Gegensätzen lebt die Debatte über die "richtige" Akademikerquote. Das Duale Studium jedoch entzieht sich dieser Logik, es verbindet die berufliche mit der akademischen Ausbildung. Bei vielen Abiturienten trifft das Angebot einen Nerv. Laut einer Umfrage des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) kommen auf einen Ausbildungsplatz im Dualen Studium 33 Bewerbungen. Die Erfolgsaussichten auf ein Medizinstudium sind besser.

Mehr als tausend Studiengänge hat das Institut gezählt, die meisten an Fachhochschulen, die sich schon immer mehr Praxisnähe verordnet hatten. Das Fächerangebot stammt vor allem aus den Wirtschafts- und Ingenieurwissenschaften sowie aus der Elektrotechnik und Informatik. Aber auch andere Fächer kann man dual studieren, die bislang nicht zum akademischen Kanon gehören: Gastronomiemanagement etwa, Önologie (Weinkunde) oder – heiliger Humboldt, hilf! – sogar Fitnesstraining. Als "Billig-Bachelor" wurden die dualen Studiengänge deshalb bezeichnet und die Absolventen als "Schmalspurstudenten".

Mittlerweile weiß man, dass solche Zweifel an der Qualifikation der dual Studierenden unberechtigt sind. Vielmehr können sie sogar bessere Abiturnoten vorweisen als Universitätsstudenten. Das belegt der Hochschulforscher Andrä Wolter in einer bislang unveröffentlichten Untersuchung dualer Mint-Studiengänge. 2,2 : 2,4 lautet das Ergebnis zugunsten der Dualen. "Von Dünnbrettbohrern kann man da nicht reden", sagt Wolter.