Eine Frau, eingewickelt in eine Flagge der EU, in der ostukrainischen Stadt Luhansk © Dimitar Dilkoff/AFP/Getty Images

Am Neujahrstag 2011 fand in der Nationaloper von Tallinn eine schlichte, aber bewegende Zeremonie statt. Estlands Ministerpräsident Andrus Ansip hob an einem Geldautomaten vor dem Gebäude die ersten Euros seines Landes ab, ging wieder hinein und richtete eine Rede an seine Nation. "Was der Euro für uns zuallererst und vor allem bedeutet, ist Sicherheit", sagte er. "Der Euro ist unsere Gewähr dafür, dass Estland wirklich ein Teil von Europa ist."

Dies war die Zeit, als amerikanische Kommentatoren gerade den genauen Termin vorhersagten, zu dem der Euro untergehen würde; als Spekulanten Milliarden auf den Austritt Griechenlands aus der Währungsunion wetteten und Europas Regierungen einen Krisengipfel nach dem nächsten veranstalteten. Selbst Freunde Estlands unkten damals, Tallinn habe "die letzte Fahrkarte für die Titanic" gelöst.

Drei Jahre später sieht es so aus, als sei das kleine baltische Land klüger gewesen als viele angelsächsische Experten. Nicht nur, dass die Euro-Zone ihre Krise überlebt hat. Auch Lettland hat mittlerweile den Euro eingeführt, Litauen wird folgen, Polen vielleicht schneller als erwartet. Für alle diese Länder ist der Euro mehr als eine Währung: Er ist eine Frage der Politik, ja sogar der Sicherheit. Angesichts des Konflikts mit Russland lernt ganz Europa gerade, den politischen Wert der EU-Mitgliedschaft zu schätzen.

Eine Krise ist ein Augenblick der Wahrheit. Wenn der Boden unter den Füßen zu schwanken beginnt oder plötzlich ein Gegner vor der Tür steht, entdeckt man, wie stark man eigentlich ist. Menschen, aber auch politische Gemeinwesen können in solchen Momenten mehr über sich selbst lernen als im Laufe von Wochen oder Jahren, in denen die Zeit einfach dahinfließt.

Binnen kurzer Zeit haben die Staaten Europas zwei solcher Augenblicke erlebt. Erst testete die Euro-Krise die Entschlossenheit der Regierungschefs und ihrer Länder, die gemeinsame europäische Währung zu retten. Und nun zwingt sie die geopolitische Konfrontation um die Ukraine zu einer gemeinsamen Antwort. Beide Prüfungen bringen unbequeme Wahrheiten ans Licht, führen aber zugleich zu einer wichtigen Klärung. In beiden Fällen geht es um die Wiederkehr der Politik.

Vier Grundlinien sind dabei deutlich geworden. Erstens: Die Europäische Union ist eine politische Größe – nicht nur eine wirtschaftliche. Zweitens: Die EU wirkt machtpolitisch – nicht allein durch Werte und Regeln. Drittens: Die EU ist kein "Projekt" mehr für wenige, sondern Alltag für viele. Und viertens: Die EU ist ein Klub von Staaten und Völkern – und wird es auch bleiben.

Sowohl in der Euro-Krise als auch jetzt beim Ringen um die Ukraine geht es um Fragen der Opferbereitschaft und der Solidarität: Sind wir bereit, anderen zu helfen, um die Stabilität unseres Geldes und unsere Einheit zu schützen? Sind wir bereit, Russland gegenüber Härte zu zeigen, um für unsere europäischen Interessen und Werte einzustehen, auch wenn wir selbst dabei Einbußen erleiden? Diese Fragen sind das sicherste Zeichen dafür, dass die Europäische Union politisches Neuland betritt.

Es verwundert nicht, dass Europaskeptiker die entstehenden Umrisse eines politischeren Europas mit Argwohn betrachten. Marine Le Pen vom französischen Front National und Nigel Farage von der britischen UKIP haben gejubelt, als der Euro in Gefahr geriet; heute schlagen sie sich in der Krim-Frage auf die Seite des Kreml. Bei der Europawahl schicken sie sich an, die Ängste der Menschen vor einem politischeren Europa auszuschlachten.