Die Vorstellung vom Paradies wird jeweils am letzten Freitag des Monats um 19 Uhr gegeben. Wenn dann Tausende entspannt über die großen Hamburger Straßen radeln, lässt sich erahnen, wie schön Radfahren sein könnte. Keine Ampel bremst. Wer mitfährt, ignoriert jedes Rotlicht, jeden Radweg, fährt auf der ganzen Breite der rechten Spur. All dies geschieht legal, die Verkehrsordnung erlaubt es.

Vor zwei Wochen stellten die Hamburger gar den deutschen Rekord auf. Laut Polizei waren es 4500 Fahrradfahrer, die sich im Internet für eine Spazierfahrt als "Critical Mass" verabredet hatten. Diese Erfindung gibt es seit 1992, als die erste Critical Mass durch San Francisco rollte. Erst Stunden vor dem Start erfahren Interessierte den Treffpunkt. "Planetarium" hieß jüngst die Losung.

Für die radlerische Freiheit müssen mehr als 15 Menschen zusammenkommen. Dann wird eine Gruppe zum Verband, der aufgrund seiner Größe auf der Straße fahren muss. Laut Straßenverkehrsordnung handelt es sich um ein Fahrzeug. Nur der vorderste, als Front des vielköpfigen Vehikels, muss sich an Grün halten. Alle übrigen dürfen hinterherfahren, auch wenn die Ampel längst Rot zeigt. Die Idee, den Verbund auf mehrere Kilometer auszudehnen, macht Critical Mass zum kreativen verkehrspolitischen Akt: Ist die "kritische Menge" erreicht, gehören Hamburgs Straßen den Unmotorisierten.

Der Gegensatz zum Alltag könnte kaum größer sein: Als Einzelkämpfer tun sich Hamburger Radfahrer schwer. Viele glauben (zu Unrecht), sie müssten auf den maroden Radwegen fahren, die häufig zugeparkt oder von Mülltonnen zugestellt sind. Und oft stören Fußgänger, die auf der Radspur laufen.

Dabei sind die nackten Zahlen eigentlich positiv für Radfahrer: Mit 1700 Kilometern hat Hamburg das größte Radwegnetz Deutschlands. In Luftlinie ließe sich darauf nach Sizilien fahren. Das macht die Stadt aber nicht fahrradfreundlich. Denn der Zustand des Netzes ist haarsträubend. Entstanden ist es von den 1960er Jahren an – nach einer Planungsphilosophie, die den Radfahrer als Hindernis des positiv konnotierten motorisierten Verkehrs betrachtete und ihn auf den Gehweg verbannte. Viele Schmalspurwege sind nie renoviert worden: Wurzeln, Sträucher, Schlaglöcher sind tückische Gefahren. Im Herbst das Laub, im Winter der Schnee. Hinzu kommt die Zunahme an Autos, die als Stehzeuge, wie es der Beamte nennt, das "öffentliche Straßenland" verstopfen.

Dabei wäre es nirgendwo einfacher, die Bevölkerung radeln zu lassen, Velos zum Leitvehikel zu erklären. Die Stadt ist fast höhenmeterfrei, plattes Land. Und wo acht Fahrspuren sind, kann keiner behaupten, es gäbe nicht genug Platz.

Mit 1700 Kilometern Radwegen hat Hamburg das größte Netz Deutschlands

Ein Augenschein auf zwei Rädern macht die Misere deutlich. Am Dammtor zwingt eine dünne Spur Fahrende in einen Pulk Fußgänger, die mit Rollkoffern im Schlepptau aus dem Bahnhof strömen. Um in Konflikt mit Passanten zu geraten, muss einer kein Rowdy sein. Korrektes Verhalten reicht. In der Schanzenstraße führt die Radroute durch die Kneipe Frank und Frei. Wer unter der Sternbrücke der Benutzungspflicht gehorchen will, landet auf dem Gehweg und kollidiert im Nadelöhr zwischen Kiosk und Zaun mit genauso korrekt gehenden Fußgängern.

Aus solchen Gründen sind Städte wie Amsterdam und Kopenhagen in den Rankings weit voraus. Diese Kommunen haben es geschafft, mutig Konzepte umzusetzen, in denen Radfahrer als Verkehrsteilnehmer ernst genommen werden: auf breiten Wegen mit Vorfahrt oder eigenen Straßen können sie nebeneinander in Highspeed zirkulieren. Sogar die Radfahrerhölle New York hat sich neu erfunden. In sieben Jahren schuf sie 600 Kilometer Radstreifen. 2013 legte sie sich 6000 Leihräder zu. Radfahren ist in Manhattan heute Trend.

Während in Kopenhagen fast jeder dritte Kilometer per Rad zurückgelegt wird, lag dieser Anteil in Hamburg 2008 bei gerade mal zwölf Prozent. 18 Prozent sollen es werden. Bis wann, ist unklar. In der Radverkehrsstrategie von 2007 wurde noch das Jahr 2015 genannt – doch längst ist dieses Ziel, eine wirkliche Fahrradstadt zu werden, auf ungewisse Zeit verschoben. Traditionell heilig ist dagegen der motorisierte Verkehr. Erschwerend hinzu kommt, dass Pläne der Stadtbehörden von den Bezirken umgesetzt werden müssen – das Kompetenzwirrwarr bietet Bürokraten und Anwohnern viel Angriffsfläche, um fast jedes Anliegen zu torpedieren. Auf die jüngste städtische Anregung, die Schöne Aussicht an der Alster zu einer Fahrradstraße zu machen, reagierte die CDU am vergangenen Wochenende in einer Pressemitteilung gewohnt panisch: Freie Fahrt gefährdet! Parkplätze gefährdet! Segelclub betroffen!