DIE ZEIT: Immer mehr Menschen protestieren gegen das geplante Handelsabkommen zwischen den USA und Europa (TTIP). Haben die Deutschen vergessen, dass eine Exportnation vom Handel lebt?

Michael Froman: Es ist nicht ungewöhnlich, dass über ein Handelsabkommen gestritten wird, vor allem, wenn es um mehr geht als nur um Zollsenkungen. Die Veränderungen betreffen ja viele Bereiche. Aber Ihr Land ist extrem wettbewerbsfähig und hochinnovativ, deswegen würde TTIP Deutschland sehr nützen.

ZEIT: Kritiker sagen, bei Lebensmitteln, Umwelt und Arbeitsrecht würden die Standards gesenkt. Nehmen Sie diese Sorgen nicht ernst?

Froman: Ich nehme jedes Argument ernst! Wir hören sehr oft, das geplante Abkommen werde die Standards senken. Aber darum geht es nicht. Nichts in TTIP wird Standards senken. Wir haben keine Deregulierungsagenda! Sowohl die USA also auch Europa haben gut regulierte Märkte. Und wir müssen auch künftig das Niveau halten, das unsere Öffentlichkeit bei Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltfragen gewöhnt ist. Es geht bei TTIP darum, wie man Brücken baut: zwischen zwei gut regulierten Volkswirtschaften, die oft die gleichen Ziele haben, sich aber bei manchen Methoden unterscheiden, wie sie diese erreichen wollen.

ZEIT: Die Gewerkschaften fürchten, dass die Rechte der Arbeitnehmer leiden.

Froman: Darum geht es überhaupt nicht. Wir sprechen über zwei Wirtschaftsräume, in denen relativ hohe Löhne bezahlt werden und die ein gemeinsames Interesse haben: dass im Rest der Welt die Rechte der Arbeitnehmer besser geschützt werden. Bei unseren Freihandelsgesprächen mit asiatischen und pazifischen Ländern drängen wir beispielsweise darauf, dass dort elementare Arbeitnehmerrechte gestärkt werden – und dass diese Vereinbarungen verbindlich in den Handelsvertrag aufgenommen werden, ein Verstoß also Strafen zur Folge haben kann. Wir nehmen das extrem ernst. Präsident Obama hat gesagt, dass unsere Handelspolitik unseren Interessen und unseren Werten dienen soll. Dazu gehört es, weltweit die Standards für Umweltschutz und Arbeitsrechte anzuheben. Dazu zählt auch der Schutz geistigen Eigentums – ohne dabei das freie Internet oder die Versorgung von Armen mit Medikamenten zu behindern.

ZEIT: Die europäischen Verbraucher wollen keine amerikanischen Chlorhühnchen, kein Genfood, kein Hormonfleisch. Warum sollten wir unsere Grenzen dafür öffnen?

Froman: TTIP wird niemandem diktieren, was er essen oder kaufen soll. Aber wir glauben, dass wir die Zusammenarbeit bei der Regulierung verbessern können, wenn es darum geht, gemeinsame Regeln für die Sicherheit von Produkten zu finden. Was sicher oder unsicher ist, sollte wissenschaftlich begründet sein.

ZEIT: Dann müssten Sie französischen Käse auf den amerikanischen Markt lassen.

Froman: Mit dem verdienen Sie in den USA doch schon Milliarden Dollar.

ZEIT: Aber nicht mit Käse aus Rohmilch, den lassen Sie nicht auf Ihren Markt! Herr Froman, Sie argumentieren immer, TTIP werde mehr Wachstum und mehr Jobs bringen. Auf welche Zahlen stützen Sie sich?

Froman: Es gibt jede Menge Studien. Je nachdem, welche Verhandlungserfolge da angenommen werden, variieren die Zahlen stark. Unsere Ökonomen in den USA arbeiten mit folgender Annahme: Jede Milliarde zusätzlicher Exporte bringt 5.400 bis 5.900 Jobs. TTIP könnte Hunderttausende neuer Jobs schaffen.