Meine Behandlung beginnt mit einer klaren Ansage: "Sie sind hier richtig. Ich bin davon überzeugt, dass Veränderung möglich ist." Der das sagt, ist approbierter Arzt in Dresden. Ich bin Journalist und schwul. Ich habe gehört, dass dieser Allgemeinmediziner homosexuelle Menschen heilen will, sie "umpolen" – von schwul zu hetero.

Der Termin, den mir der Arzt am Telefon gegeben hat, liegt außerhalb seiner normalen Sprechstunde. Als mir die Arzthelferin die Tür öffnet, betrete ich eine Hausarztpraxis, wie es sie in Deutschland wohl tausendfach gibt: Auf den Tischen im Wartebereich liegen Illustrierte, hinter der Anmeldung surrt der Drucker. Wahrscheinlich sitzen hier sonst Patienten mit Husten. Jetzt bin ich allein.

Der Arzt ist ein unscheinbarer Mann mittleren Alters. Er begrüßt mich freundlich, wirkt zurückhaltend und verbindlich. Doch im Sprechzimmer wird er bestimmend. Er gibt mir genaue Anweisungen, wo ich meine Jacke hinlegen, auf welchen Stuhl ich mich setzen soll. Dann legt er die Hände auf seine Knie, die Handflächen zeigen nach oben. Er bildet mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis. Dabei blickt er mich schweigend und durchdringend an. Ich frage mich, was er gerade macht: Hypnotisiert er mich? Meditiert er? Betet er?

Eine längere Recherche in strenggläubigen christlichen Kreisen hat mich zu diesem Arzt geführt. Am Ende der ersten Behandlung wird er sagen, er rechne mit mindestens einem Jahr Psychotherapie, um meine Homosexualität zu kurieren.

Wie oft befriedigen Sie sich selbst? Woran denken Sie dann?

Schwulenheilung als kassenärztliche Leistung? Schwulsein als Krankheit? Ich bin schwul, solange ich denken kann. Schon in der Grundschule fand ich Jungs interessanter als Mädchen. Wenn ich mich zurückerinnere, war die Homosexualität von Anfang an in mir. Ich habe es mir nicht ausgesucht, schwul zu sein – aber ich wollte auch nie anders sein.

Der Arzt, vor dem ich nun sitze, hat offenbar ein größeres Problem damit als ich. Er erklärt mir, dass Homosexualität eine "neurotische Fehlentwicklung" sei. Er könne mir keine Garantie für eine Veränderung geben. Aber er wolle mir Hoffnung machen, dass sich meine Sexualität am Ende auf Frauen beziehe, so wie Gott es angelegt habe. Ich frage ihn, ob ich der Einzige mit diesem Problem bei ihm in Therapie sei. Er schüttelt den Kopf und lächelt: "Nein."

Im Laufe der ersten Sitzung stellt der Arzt mir intimste Fragen: Haben Sie Ihre Homosexualität mit anderen Männern ausgelebt? Benutzen Sie Internetpornografie? Haben Sie deswegen ein schlechtes Gewissen? Wie oft befriedigen Sie sich selbst? Woran denken Sie dann? Haben Sie schon Versuche unternommen, die Selbstbefriedigung zu unterbinden? Irgendwann halte ich es kaum mehr aus, spiele mit dem Gedanken, die Sitzung abzubrechen. Ich habe Kopfschmerzen.

Dieser Dresdner Arzt gilt in bibeltreuen Kreisen offenbar als Geheimtipp, dort bietet er "Männern in Krisen" seine Hilfe an. Evangelikale Christen wie er halten Homosexualität für eine Sünde. "Schöpfungswidrig" nennt das ihr Dachverband, die Deutsche Evangelische Allianz. Dieses Netzwerk verschiedener Organisationen und Gemeinden versteht sich als "Bund von Christusgläubigen". Sie legen die Bibel sehr eng aus und glauben an ihre "Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung". Eine historisch-kritische Bibelinterpretation lehnen die Evangelikalen im Gegensatz zur Mehrheit der deutschen Protestanten ab. Da in der Bibel steht, dass ein Mann nicht bei einem Mann liegen soll wie bei einer Frau, weil das dem Herrgott ein "Gräuel" sei (3. Mose 18,22), werden homosexuelle Partnerschaften abgelehnt.

Der Deutschen Evangelischen Allianz stehen in Deutschland nach eigenen Angaben rund 1,3 Millionen evangelische Christen nahe. Sie verteilen sich etwa jeweils zur Hälfte auf Freikirchen und auf Gemeinden der Landeskirchen. Eine Minderheit also: Die evangelischen Landeskirchen haben insgesamt knapp 25 Millionen Mitglieder. Doch die Minderheit verschafft sich Gehör.

Das Thema Homosexualität gilt innerhalb der Landeskirchen als Konfliktthema. Überwiegend würden homosexuelle Partnerschaften in der EKD inzwischen akzeptiert, sagt Friedrich Hauschildt, Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes und zuständig für sozialethische Fragen. Eine einheitliche Lehrmeinung, die für alle in der EKD gelte, gebe es allerdings nicht, so Hauschildt.

Die Bundesärztekammer warnt vor den Folgen der Umpolungsversuche

Besonders deutlich werden die unterschiedlichen Auffassungen in dem EKD-Papier Mit Spannungen leben. Die einen sind der Ansicht, Homosexualität bedürfe keiner "Korrektur", und auch Friedrich Hauschildt erklärt: "Die sexuelle Orientierung kann man nicht ändern." Andere Christen der Landeskirchen glauben dagegen, dass "Veränderung" möglich sei und zu "Befreiung und Selbstfindung" führe. Auch der Evangelische Gnadauer Gemeinschaftsverband, eine Organisation innerhalb der Landeskirchen, hält eine Veränderung hin zu einer "erfüllenden Heterosexualität" für möglich. Erst im Februar hat die Gruppe eine Erklärung herausgegeben, in der sie Gläubige dazu aufruft, mit "Betroffenen" zu sprechen und "liebevoll und klar für das gemeindliche Verständnis von Homosexualität und eine mögliche Veränderung" zu werben.

92,50 Euro für die Behandlung einer psychischen Störung

In Dresden erklärt mir der Arzt, welche Ursachen für Homosexualität aus seiner Sicht infrage kommen. Häufig wertschätze der Vater seinen Sohn nicht genug. Oder die Mutter überbehüte den Sohn. Oder seine potenziellen Patienten seien nicht in ihrer "Peergroup" angekommen, fühlen sich also nicht als Junge unter Jungen oder als Mann unter Männern. Langsam werde ich wütend. Wie kann ein approbierter Arzt, der an einer Universität studiert hat, derlei behaupten?

Wer mag Hilfe bei ihm suchen? Es sind wohl junge Männer, die sich von Familie, Freunden oder Gemeinden unter Druck gesetzt fühlen. Für manche ist eine offen ausgelebte Homosexualität aus Glaubensgründen undenkbar. Ich spreche während der Recherche mit Menschen, die erfolglos an Seminaren teilgenommen haben, um von ihrer Homosexualität wegzukommen. Vieles laufe im Verborgenen ab, sagen sie, solche Angebote würden oft unter der Hand empfohlen. Zahlen über Teilnehmer und Patienten, über Seminare und Therapien gibt es nicht. Aber auch wenn es sich um eine kleine Minderheit der Ärzte handeln dürfte: Ihr Ansinnen ist gefährlich.

Die Bundesärztekammer warnt vor den gravierenden Folgen solcher Umpolungsversuche. Im vergangenen Herbst hat sie nach der Generalversammlung des Weltärztebundes noch einmal in einer öffentlichen Erklärung klargestellt, dass Homosexualität keine Erkrankung ist. Sogenannte Konversionstherapien seien nicht nur unwirksam, sondern könnten sich negativ auf die Gesundheit auswirken.

Auch die Oberärztin Lieselotte Mahler hat sich mit den möglichen Folgen solcher Veränderungsversuche beschäftigt: "Das Gefühl, in der Therapie versagt zu haben, kann zu tiefen Depressionen und Angststörungen bis hin zu Selbstmorden führen", sagt sie. Mahler ist Psychiaterin an der Berliner Charité und leitet bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie das Referat für sexuelle Orientierung. Sie vermutet, dass kein Psychotherapeut heute noch offiziell Konversionstherapien anbietet, doch Diskriminierung und veraltete Therapieansätze kämen vermutlich vor. "Da gibt es sicher eine hohe Dunkelziffer", so Mahler.

Umpolungstherapien können also nachweislich schlimme Folgen haben. Konsens unter allen Medizinern? Ganz offensichtlich nicht. Der katholische Arzt Gero Winkelmann beispielsweise hält die Warnung der Bundesärztekammer vor Veränderungsversuchen für eine "Katastrophe" und für "wissenschaftlich nicht ganz ausgegoren". Ich treffe ihn auf einem Christlichen Gesundheitskongress in Bielefeld – einer Messe für strenggläubige Ärzte und Pfleger. Bibeltreue Organisationen beider Konfessionen stellen hier aus, werben für ihre Positionen – engagieren sich zum Beispiel gegen jede Form von Schwangerschaftsabbruch. Die Teilnehmer beten gemeinsam und diskutieren über den Einfluss von Religion auf die Gesundheit.

Dort vertritt Gero Winkelmann an einem Stand den Bund Katholischer Ärzte. Die Medizinergruppe protestiert gegen Abtreibung und warnt außerdem vor "psychischen und medizinischen Gefahren eines Zusammenlebens ohne Trauschein". Ihr Vorsitzender Winkelmann hat vor einigen Jahren auch einen sogenannten Forschungskreis Homosexualität gegründet. Nach eigenen Angaben gehören diesem Kreis inzwischen etwa zwanzig Mediziner an. Dabei gehe es "primär" um das "Aufzeigen von Hilfs- und Therapiemöglichkeiten", heißt es auf der Homepage.

In einem Faltblatt behauptet der Bund Katholischer Ärzte, Homosexualität sei eine "psychische Störung". Gero Winkelmann findet, Ärzte sollten Homosexuellen die schwere Last nehmen, die sie tragen, damit sie nicht mehr unter Druck stünden, sich sexuell derart zu benehmen. Winkelmann glaubt außerdem, dass man Homosexuelle homöopathisch therapieren kann und schlägt eine Art Entgiftung vor. So soll der Körper von Krankheiten vorheriger Generationen wie Syphilis und Tuberkulose gereinigt werden. Solche "Erbkrankheiten" können seiner Ansicht nach der Grund für Homosexualität sein.

Ich hätte niemals gedacht, dass es im Jahr 2014 mitten in Deutschland tatsächlich Ärzte gibt, die Homosexuelle homöopathisch behandeln oder unter dem Deckmantel einer Psychotherapie umpolen wollen. Ich recherchiere weiter und entdecke im Internet einen niedergelassenen Arzt aus Hamburg. Er ist Internist und reist offenbar immer wieder durch Deutschland, um in freien Gemeinden für die Heilung von Gläubigen zu beten.

Die Gemeinden gehören zur pfingstlich-charismatischen Bewegung. Deren Anhänger glauben, dass der Heilige Geist ihnen bestimmte Gaben verleiht, sogenannte Charismen, zu denen das Heilen von Krankheiten gehört. Auch der Hamburger Arzt glaubt, dass selbst schwere Krankheiten wie Krebs durch Gott und Gebet heilbar sind. Ob er meine Homosexualität als Krankheit sieht?

92,50 Euro für die Behandlung einer psychischen Störung

Ich besuche den Heilungsgottesdienst einer Freikirche in Süddeutschland, bei dem er als Gastredner auftritt. Am Ende der Veranstaltung strömen viele Gläubige nach vorn, um persönlich um Heilung zu bitten. Auch ich gehe zu ihm, möchte den Arzt fragen, ob er meine Homosexualität für heilbar hält. "Keine Frage! Logisch!", antwortet er. Aus einem kleinen Fläschchen reibt er mir Öl auf die Stirn und betet für mich. Ich solle ab jetzt alle zehn Minuten zu Gott beten. Wenn meine Homosexualität in einigen Tagen nicht verschwunden sei, solle ich in seine Hamburger Praxis kommen.

Knapp zwei Wochen später habe ich einen Termin in seiner Sprechstunde. Er lässt im Behandlungszimmer die Jalousien herunter; mir ist unheimlich zumute. Dann erklärt er, er wolle mir den "Geist der Homosexualität" austreiben. Der Arzt legt mir seine Hände auf Kopf und Brust und drückt mich auf dem Stuhl langsam nach hinten. Wie schon beim Gottesdienst reibt er mir Öl auf die Stirn und betet. Anschließend erkundigt er sich nach dem Erfolg seiner Dämonenaustreibung. "Hast du das eben gemerkt? Dass da so eine Wolke rausgekommen ist?" Ich habe nichts bemerkt, der Arzt schon: Mindestens ein Geist sei rausgegangen.

Ich sitze im Sprechzimmer eines approbierten Arztes und erlebe eine Art Exorzismus. Ich frage mich: Lässt er sich das von der Kasse bezahlen? Am Ende der Sprechstunde sagt er, das Gebet sei kostenlos, bittet mich aber um eine Spende. Er fügt hinzu, einen kleinen Betrag werde er über die Krankenkasse abrechnen. Der Dresdner Arzt erklärte mir dagegen ganz offen, dass er seinen Veränderungsversuch als "tiefenpsychologische Therapie" mit der Krankenkasse abrechne. Zahlen also alle Versicherten für solche dubiosen Umpolungen?

Ich hatte mich bei beiden Ärzten als privat versichert ausgegeben, sodass ich die Abrechnungen mit der Post zugeschickt bekomme. Tatsächlich erhalte ich von beiden Ärzten Rechnungen, die für die Krankenkasse bestimmt sind. Der Dresdner Arzt verlangt für die erste Sitzung 92,50 Euro – für die Behandlung einer psychischen Störung. Und der Hamburger Arzt rechnet 40,22 Euro für die "Erörterung einer lebensverändernden Erkrankung" ab. Mit solchen lebensverändernden Erkrankungen meint die Gebührenordnung eigentlich Krankheiten wie Krebs. Beide Ärzte haben mir versichert, dass die Abrechnung mit den Kassen völlig problemlos sei.

Ich frage mehrere große Krankenversicherungen, ob sie Fälle von Umpolungstherapien kennen. Von den Kassen heißt es, dass ihnen der Inhalt von Therapiegesprächen nicht bekannt sei. Ich möchte wissen, ob die Abrechnung solcher Veränderungsversuche denn grundsätzlich zulässig sei. Erstaunlicherweise weichen die Kassen aus: Techniker, AOK und Barmer verweisen auf die Therapiehoheit der Ärzte und auf komplexe Genehmigungsverfahren. Der Verband der Privaten Krankenversicherung schreibt, dies sei eine rechtliche Frage, die Entscheidung liege nicht beim Verband. Der Hamburger Arzt selbst hat ein Interview mit dem NDR aus Termingründen abgelehnt. Schriftliche Fragen lässt er unbeantwortet.

Auf die Frage, ob das erlaubt sei, antwortet keine Versicherung mit Nein

Manche Ärzte halten Homosexualität für eine Störung. Sie schicken Abrechnungen, um dubiose Behandlungen von den Krankenversicherungen bezahlen zu lassen. Auf die Frage, ob das erlaubt sei, antwortet keine einzige der angefragten Versicherungen mit einem klaren Nein. Das verstehe ich nicht.

Mit welchen Konsequenzen müssen Ärzte und Psychotherapeuten bei solchen Behandlungsmethoden rechnen? Die Bundesärztekammer schreibt, Homosexualität sei keine Krankheit und erfordere deshalb "keinerlei Heilung" – auch keine "homöopathische Behandlung". Sie erklärt, "Gebet und Dämonenaustreibung" seien keine ärztlichen Behandlungsmethoden. Zu einer Psychotherapie mit dem Ziel, die sexuelle Orientierung zu verändern, äußert sich die Bundesärztekammer allerdings nicht. Ob ein Verstoß gegen eine ärztliche Berufsordnung vorliege, könne nur in Kenntnis des konkreten Falls und nur von der entsprechenden Ärztekammer beantwortet werden.

In Dresden glaubt der Arzt am Ende der Sitzung, den Grund für meine Homosexualität gefunden zu haben: Am Kinn habe ich seit meiner Geburt eine Narbe. Sie stammt von einem kleinen Blutschwamm, der mir wenige Wochen nach der Geburt während einer Operation herausgeschnitten wurde. Deshalb sei ich wahrscheinlich schwul geworden, sagt der Arzt. Manchmal entstehe Homosexualität dadurch, dass man mit dem eigenen Körper unzufrieden sei.

Co-Autoren: Oda Lambrecht, Jennifer Stange