Draußen explodiert die Freude, knallt der Überschwang, schlagen die Glücksgefühle Funken. Silvester 2013. Nur hinter den Fenstern des Unternehmensberaters Christian Herrmann* herrscht finstere Verzweiflung. Noch ein paar Minuten bis zum neuen Jahr, auf den Straßen jubeln die Menschen und prosten einander zu – Christian Herrmann hockt wie gelähmt am Computer. Er freut sich nicht aufs neue Jahr, er freut sich auf gar nichts mehr. Er will nur eines: die Angst loswerden. Die Angst vor großem Leid und frühem Tod.

Irgendwo im Internet muss es Erlösung für ihn geben! In einem Gesundheitsportal vielleicht oder in einem Forum bei Leidensgenossen. Herrmann möchte lesen, dass im Grunde alles gut ist, seine Furcht unbegründet, die Symptome harmlos sind. Bitte, bitte, lieber Gott, lass es keine multiple Sklerose sein! Und auch sonst nichts Schlimmes!

Herrmanns Freundin steht hinter ihm, kopfschüttelnd: "Merkst du eigentlich nicht, was mit dir passiert? Du bist dabei, durchzudrehen."

Doch an Herrmann kommt niemand mehr heran, er ist allein in einem Weltall der Furcht. Zu diesem Zeitpunkt, sagt er heute, sei die Situation schon "gekippt" gewesen.

Christian Herrmann ist an diesem Silvesterabend tatsächlich krank – aber auf andere Weise, als er selber glaubt. Er hat keine multiple Sklerose, keinen Tumor, keine Herzinsuffizienz und auch kein anderes unheilbares Leiden, nein: Er ist ein Hypochonder. Allerdings keine jener Wilhelm-Busch-Figuren, die ihre Umwelt ständig mit eingebildetem Bauchdrücken oder unklaren Beschwerden im Ohr behelligen, sondern ein richtig schwerer Fall. Er kann vor Angst nicht mehr essen, nicht mehr ruhig schlafen, sich nicht mehr auf Gespräche konzentrieren. Er traut sich nicht mehr, Sport zu treiben, weil er Angst hat, "unterwegs tot umzufallen". Sein Körper erscheint ihm wie eine Maschine kurz vor dem Zusammenbruch.

Christian Herrmann steht für die eine Seite der Hypochondrie, die dunkle, die echte. Seine Angststörung hat nichts mit dem Spottbild zu tun, das die Gesellschaft vom eingebildeten Kranken zeichnet, jenem wehleidigen Sensibelchen, das sich mit Dauerschwächeln und Ohnmachtsdrohungen Aufmerksamkeit sichert. Herrmann ist das Gegenteil: sportlich, schlagfertig und reflektiert – besonders was seine Krankheit angeht.

Die andere Seite gibt es natürlich auch. Sie ist das Zerrbild der echten Hypochondrie, ihre Karikatur, gerade zu bestaunen im französischen Kinofilm Super-Hypochonder. Oder auch verkörpert von Krankendarstellern wie Harald Schmidt und Jürgen von der Lippe, die im Fernsehen leidenschaftlich ihre Beschwerden zelebrieren, die vor Publikum ihre Tropfen einnehmen und sich den ganzen Abend darüber auslassen können, wo sie sich ihre Erkältung eingefangen haben. Und die zuletzt, hatschi!, zum Höhepunkt, ihren Gästen nicht einmal die Hand zum Abschied reichen – sie könnten sich ja einen fiesen Keim holen. Zum Totlachen.

Es gibt noch eine dritte Gruppe: Menschen mit einer sogenannten Somatisierungsstörung. Mehr als zehn Prozent leiden daran, an der klassischen Hypochondrie laboriert nur etwa ein Prozent. Hochgerechnet auf Europa, sind das mehr als 42 Millionen Somatisierer und etwa 4,2 Millionen Hypochonder. Gesund, aber sorgenvoll zum Arzt zu gehen grassiert wie ein Virus.

Hypochonder und Somatisierer haben gemeinsam, dass die Betroffenen Symptome zeigen, für die sich keine medizinische Ursache finden lässt, und dass sie ihr persönliches Umfeld in ihre Probleme hineinziehen: Freunde und Angehörige zum Beispiel, die, durch ständige Klagen und Fragen strapaziert, manchmal sogar die Beziehung abbrechen. Oder Ärzte, die von den eingebildeten Kranken mehrmals in der Woche besucht – besser: heimgesucht – werden.