Wer etwas umkrempeln will, was sich über Jahrzehnte bewährt hat, braucht viel Biss und gute Argumente, zumal an so traditionsbewussten Einrichtungen wie Universitäten. Das musste auch Sabine Henze-Döhring erfahren, als sie an der Uni Marburg einen neuen Studiengang einführen wollte. Es war die Zeit der Umstellung von Magister auf Bachelor und Master, und Sabine Henze-Döhring, eine überzeugte Musikwissenschaftlerin, befand: Wir müssen diese Situation nutzen, um unseren Horizont zu erweitern.

Einen neuen Studiengang wollte sie kreieren. Fächer zusammenführen, die ohnehin nah beieinanderliegen. Einen Studiengang schaffen, der berufs- und praxisorientierter sein sollte als die traditionellen Fächer, ohne dabei die wissenschaftlichen Grundlagen zu vernachlässigen. So zog sie auf Werbetour durch die anderen Fakultäten, klopfte bei Medienwissenschaftlern und Kunsthistorikern an. Sie wollte die Grenzen der einzelnen Disziplinen überwinden. Leicht sei das nicht gewesen, erinnert sie sich. "Die Verfechter der alten Studiengänge waren skeptisch und pochten auf ihre Tradition."

Doch letztlich konnte Sabine Henze-Döhring die Kollegen überzeugen. Im Herbst 2005 begannen die ersten Studenten das interdisziplinäre Bachelorstudium. KuMuMe heißt es, eine Abkürzung für "Kunst, Musik und Medien". Über die ersten zwei Semester verteilt, werden alle drei Fächer zu gleichen Anteilen gelehrt. Mit der Entscheidung für Wahlpflichtfächer setzen die Studenten dann vom dritten Semester an einen Schwerpunkt.

Amelie Gröl, 22, studiert das Fach im vierten Semester. Sie hat KuMuMe gewählt, weil sie es spannend findet, bereits während des Studiums unterschiedliche Berufsfelder kennenzulernen. Ihr Kommilitone Stephan Grüll, 24, kam eigens dafür von Hamburg nach Marburg. Er hatte sich auch in Berlin und Leipzig für rein musikwissenschaftliche Studiengänge beworben, sich dann aber doch für Marburg entschieden: "Ich fand es reizvoll, die Prozesse der Fächer in ihrem Zusammenspiel nachvollziehen zu können."

Interdisziplinäre Studiengänge wie KuMuMe werden an deutschen Hochschulen immer beliebter. "Seit der Bologna-Reform ist die Anzahl der sogenannten Bindestrich-Studienfächer gestiegen", sagt Olaf Bartz, Geschäftsführer der Stiftung zur Akkreditierung von Studiengängen in Deutschland. Grund dafür ist der Wegfall der Rahmenprüfungsordnungen: "So bekamen die Universitäten bei der Entwicklung der Studiengänge mehr Bewegungsspielraum", sagt Bartz.

Die Zeppelin University in Friedrichshafen hat den Austausch zwischen den Fächern sogar zu ihrem Prinzip erhoben. Die private Hochschule wirbt explizit mit ihrem interdisziplinären Ansatz um Studenten, die sich, so heißt es auf der Homepage, "gleichsam für die spannenden Fragen an den Schnittstellen von Wirtschaft, Kommunikation, Kultur, Politik und Verwaltung interessieren".

"Es ist unsere Überzeugung, dass die Kernprobleme, auf die unsere Studenten nach ihrem Abschluss in ihrem beruflichen Alltag treffen werden, nur mithilfe von interdisziplinären Ansätzen gelöst werden können", sagt Eckhard Schröter, akademischer Programmleiter des Studiengangs Politics, Administration & International Relations, kurz PAIR genannt. Das Ziel dieses vierjährigen Bachelorstudiengangs ist es, dass die Studenten nach ihrem Abschluss in unterschiedlichen Bereichen arbeiten und auch von einem in den anderen wechseln können. Der Weg in die Wirtschaft soll ebenso möglich sein wie der in den Politikbetrieb oder in eine Non-Profit-Organisation. Formal sei der Studiengang, so Schröter, nicht aufwendiger als ein einfacher Bachelor: "Unsere Studenten müssen aber eine besonders hohe Bereitschaft mitbringen, die Perspektiven der verschiedenen Disziplinen einzunehmen."