Bei Christiane Schnippert sieht es aus, als wäre eine Bande Werbeagenturmenschen über ihre Amtsstube hergefallen. Grauer Fußbodenbelag, alte Möbel, aber: in den Ecken mannshohe Strandposter, auf dem Schreibtisch lustige Postkarten mit Sprüchen wie: "Willst du 18 Kinder von mir?" Oder: "Ich weiß, dass du mich Klasse findest." Die Parolen passen in dieses Schweriner Schulbehördenbüro wie eine Punkband auf ein Blasmusikfestival. "Sie sind eben frech", sagt Christiane Schnippert. Die 49-Jährige ist "Verantwortliche für die Lehrernachwuchsgewinnung" im Schweriner Kultusministerium. Ein anspruchsvoller Job in diesen Tagen.

Mecklenburg-Vorpommern muss Aufmerksamkeit provozieren, deshalb hat das Land eine Kampagne gestartet. Es braucht dringend Pädagogen, und es kann diesen Bedarf nicht mehr mit den eigenen Nachwuchskräften decken. 650 neue Lehrer will Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) im kommenden Schuljahr einstellen, aus der gesamten Republik sollen diese rekrutiert werden. Denn in Brodkorbs Beritt ist eine ungewöhnliche Situation entstanden: Nicht mehr die Lehrer bewerben sich bei einem Bundesland. Sondern ein Bundesland bewirbt sich um neue Lehrer. Das ist eine Zäsur. Jahrzehntelang zogen Ostdeutsche gen Westen, der Arbeit hinterher. Nun aber verkehrt sich dieses Ritual bei einem ersten Berufszweig ins Gegenteil. Während die alten Bundesländer Schulen schließen, Stellen abbauen und Referendariatsabsolventen vor die Tür setzen, forcieren die Kultusministerien in den neuen Ländern den Zuzug Tausender Lehrer. Was sich die Politiker wünschen, ist nicht weniger als eine West-Ost-Wanderung der Pädagogen.

Brandenburg will bis zu 1.000 neue Lehrer anwerben, so viele wie nie zuvor seit der Wiedervereinigung – auch in Potsdam wurde dafür eine PR-Kampagne gestartet. Thüringen verspricht zum neuen Schuljahr 250 neue Lehrerjobs. In Sachsen, wo wie in Brandenburg und Thüringen Landtagswahlen anstehen, überbieten sich die Parteien mit Bedarfsplänen; die CDU-Kultusministerin verspricht 1.000 neue Pädagogen. Selbst Sachsen-Anhalt, ein Land, das gerade an allen Ecken spart, will zum neuen Schuljahr 370 Lehrer einstellen.

"Die Not ist groß", sagt Axel Gehrmann, Bildungsforscher an der TU Dresden, "und zwar auf beiden Seiten." In den alten Ländern übersteige die Zahl der Lehrer den tatsächlichen Bedarf um 39 Prozent, so hat es die Kultusministerkonferenz errechnet. In Ostdeutschland dagegen müsse die Zahl um 12 Prozent erhöht werden, wenn die Qualität des Unterrichts ungefähr aufrechterhalten werden soll. "Wir haben es inzwischen mit zwei vollkommen getrennten Arbeitsmärkten zu tun", sagt Gehrmann.

Die Entwicklung wirkt kurios. Hatten sich die Ost-Länder bisher doch jahrelang eher darum gekümmert, ihre Lehrer irgendwie loszuwerden. Es gab zu viele: Nach der Wiedervereinigung war die Geburtenrate rapide gesunken. Pädagogen wurden in Teilzeitverträge gedrängt, Schulen geschlossen. Viele Referendare bekamen nach ihrem Abschluss keine Stelle, die Kollegien überalterten. Die Folge: In vielen ostdeutschen Klassenräumen gelten selbst 40-jährige Pädagogen heute als frische Nachwuchskräfte. Ein Lehrer in Mecklenburg-Vorpommern ist durchschnittlich 50 Jahre alt. Drei von vier sächsischen Lehrkräften haben ihr Studium in der DDR abgeschlossen.

Das Problem an überalterten Kollegien ist, dass irgendwann eine Rentenwelle einsetzt. Und die ist nicht mehr fern. Unzählige Ost-Lehrer gehen in den nächsten Jahren in den Ruhestand, zudem steigen die Schülerzahlen wieder.

Um neue Lehrkräfte anzulocken, lässt der Schweriner Kultusminister Mathias Brodkorb die jüngeren Pädagogen sogar wieder verbeamten. Jährlich 50 Millionen Euro investiert Mecklenburg-Vorpommern von nun an zusätzlich in sein Schulpersonal. Allein die Werbekampagne lässt sich das Land eine Million Euro kosten, 500.000 Postkarten wurden deutschlandweit in Kinos und Kneipen verteilt. In Zeitungen erschienen Annoncen wie diese: "Er sucht Sie. Attraktives Land sucht sympathische Lehrerinnen für gemeinsames Leben. Biete sofortige Verbeamtung, überdurchschnittliches Gehalt, kleine Klassen und Meer." Es ist immer ein schmaler Grat zwischen originell und lachhaft, zwischen überzeugend und verzweifelt.

Auf einer Internetseite des Ministeriums können sich Bewerber die Schulen gleich aussuchen, die für sie infrage kommen. Auf dieser Seite ist auch ein Foto von Christiane Schnippert abgebildet, der Frau für die Nachwuchsgewinnung. Sie lächelt wie eine sehr nette Lehrerin beim ersten Elternabend, der schwarze Pony fällt ihr in die Stirn. Schnippert hat selbst einst Deutsch, Russisch und Englisch unterrichtet. Gemeinsam mit einigen Kollegen soll sie die Anfragen von Lehrerinnen und Lehrern aus ganz Deutschland beantworten.

Aber lassen die sich wirklich von der Schwäbischen Alb ins Erzgebirge, aus dem Ruhrgebiet in die Uckermark, vom Allgäu auf den Darß locken?