Bislang ist es nur ein Plan: Der US-amerikanische Pharmakonzern Pfizer will den britischen Konkurrenten AstraZeneca übernehmen. Dessen Management hat die Offerte von 100 Milliarden Dollar zwar abgelehnt, doch bis zum 26. Mai können die Amerikaner ihr Angebot aufstocken. Sollte Pfizer das tun und der Kauf doch noch zustande kommen, wäre damit nicht nur ein neuer finanzieller Rekord in der Pharmabranche erreicht. Die Übernahme könnte auch dazu beitragen, dass die Behandlung von Krebsleiden künftig noch teurer wird, als sie es heute schon ist.

AstraZeneca ist für Pfizer aus zwei Gründen interessant. Zum einen könnten die Amerikaner beträchtliche Steuervorteile daraus ziehen, indem sie eine neue Konzern-Holding in Großbritannien ansiedeln. Zum anderen ist AstraZeneca mit der Entwicklung einiger neuer Krebsmedikamente weit fortgeschritten. Derartige Arzneien standen in der jüngsten Vergangenheit immer wieder im Zentrum von Firmenkäufen: So übernahm im vergangenen Monat Novartis, hinter Roche die Nummer zwei im Krebsbereich, für 16 Milliarden Dollar das Onkologiegeschäft des britischen Konkurrenten GlaxoSmithKline.

Nach derzeitigen Prognosen werden Krebserkrankungen den Herzinfarkt als Todesursache Nummer eins bald abgelöst haben. Wichtiger noch für die Unternehmen: Krebsmedikamente, die häufig mithilfe von Gen- und Biotechnologie hergestellt werden, gehören zu den teuersten Arzneimitteln. Die Behandlung eines einzigen Patienten kann jährlich Zehntausende Euro und mehr kosten. Bis 2016 wird sich der weltweite Umsatz mit diesen Präparaten laut dem privaten US-Gesundheitsinstitut IMS auf 85 Milliarden Dollar belaufen.

Hinter der jüngsten Fusionswelle steckt eine knallharte Kalkulation der Pharmahersteller. Bei herkömmlichen, chemisch hergestellten Medikamenten sind kaum noch Preissteigerungen möglich, weil günstigere Nachahmerpräparate zur Verfügung stehen – sogenannte Generika. Der Preiskampf nach Ablauf der Patente hat sich dadurch deutlich verschärft. Mehr als 70 Prozent der Verschreibungen allein in den USA, dem wichtigsten Absatzmarkt, werden inzwischen mit Generika gedeckt. Vor dreißig Jahren waren es gerade mal 17 Prozent. Dagegen sind die Preise für Krebsmittel, zu denen es noch keine Alternativen gibt, in den vergangenen Jahrzehnten drastisch gestiegen. Bei fünfzehn Krebsmedikamenten, die in den vergangenen fünf Jahren eingeführt wurden, kostet die Behandlung pro Monat mehr als 10.000 Dollar, wie das New Yorker Memorial-Sloan-Kettering-Krebsforschungszentrum feststellte.

Branchenkenner rechnen damit, dass es bald Mittel geben wird, die mehr als eine Million Dollar im Jahr kosten. Die US-Apothekenkette CVS berichtete, dass die Ausgaben für Spezialpräparate, in deren Kategorie auch Krebsmedikamente fallen, allein im Jahr 2013 um 15,6 Prozent angezogen hätten. Bei herkömmlichen Präparaten betrug die Steigerung nur 0,8 Prozent. Und ein Ende der Preisspirale ist nicht in Sicht: Die Ausgaben für Spezialpräparate dürften allein in den USA bis 2016 um weitere 60 Prozent zulegen, schätzt der Dienstleister Express Scripts, der Unternehmen beim Management von Betriebskrankenkassen hilft.

Dieser Entwicklung können sich auch die Europäer nicht entziehen, denn die USA sind weiterhin der größte Absatzmarkt für Markenmedikamente. Der Listenpreis in den Vereinigten Staaten wirkt deshalb weltweit als Richtwert. Das gilt selbst für Länder, die eine staatliche Preiskontrolle oder – wie der britische Gesundheitsdienst – eine gebündelte Nachfragemacht haben. "Die Gesundheitsversorger sind in einer schwachen Verhandlungsposition, weil sie unter enormen politischen Druck geraten, wenn sie Patienten ein Medikament aus Kostengründen vorenthalten", sagt Rena Conti, Professorin für Gesundheitspolitik an der University of Chicago. Auch in Europa gehört die Behandlung von Krebs zu den größten Kostentreibern im Gesundheitssystem. In ihrem Arzneimittelreport 2013 warnte die Barmer Ersatzkasse davor, dass sich Spezialpräparate in den kommenden Jahren stärker als bisher zum Ausgabenproblem der gesetzlichen Krankenversicherung entwickeln könnten.

Der Widerstand gegen steigende Preise wächst weltweit. So zwang jener renommierter Onkologen vom New Yorker Memorial Sloan Kettering Cancer Center den Hersteller Sanofi kürzlich dazu, sein neues Darmkrebsmittel Zaltrap nicht zum Preis von monatlich 11.000 Dollar, sondern für die Hälfte einzuführen. Das britische Gesundheitssystem NHS hat in jüngster Zeit die Erstattung einiger Krebsmittel aus Kostengründen abgelehnt. Und auch Obamas Gesundheitsreform soll Milliarden Dollar dadurch einsparen, dass die großen staatlichen Organisationen Medicare und Medicaid auf preiswertere Medikamente drängen.