Eigentlich müsste sich Corrado Pardini ärgern. Denn die Prognosen sind schlecht. Sehr schlecht. Nur noch 28 Prozent der Stimmbürger wollen am 18. Mai die Mindestlohn-Initiative annehmen, das zeigt die neueste Umfrage von Isopublic. Doch Pardini, Geschäftsleitungsmitglied der Gewerkschaft Unia und SP-Nationalrat, jubelt: "Keine sozialpolitische Vorlage war im Vorfeld so erfolgreich wie diese Initiative – die Vorleistungen sind gewaltig."

Da zeichnet sich also ab, dass die Schweizer nichts von einem Mindestlohn von 4.000 Franken im Monat wissen wollen – aber Gewerkschafter Pardini und seine Genossen sind in Hochstimmung. Wieso?

Tatsächlich konnten die Initianten bereits einige Erfolge verbuchen. Aldi und Lidl haben in der Schweiz ihren Mindestlohn auf 4000 Franken pro Monat angehoben und stolz damit geworben. "Darüber haben deutsche Gewerkschafter, die ich am 1. Mai in Nürnberg getroffen habe, gestaunt", sagt Gewerkschaftsbund-Präsident Paul Rechsteiner. Auch der Moderiese H&M, der Schuhhändler Bata und der Floristenverband zahlen ihren Mitarbeitern nun 4.000 Franken. In der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie gelten seit letztem Sommer regional abgestufte Mindestlöhne. "Tausende Arbeitnehmer haben in den letzten Monaten Lohnerhöhungen erhalten. Der Benchmark von 4.000 Franken hat sich in der ganzen Schweiz etabliert", sagt Pardini. Und in seiner Euphorie meint er: "Unternehmer, die diesen Lohn nicht bezahlen, müssen sich heute erklären."

Auch im Parlament waren die Lohnschützer erfolgreich: Die Subunternehmerhaftung und Schutzmaßnahmen gegen Scheinselbstständige sind beschlossen. Neue flankierende Maßnahmen hat FDP-Bundesrat Johann Schneider-Ammann vor Kurzem vorgestellt.

Die Gewerkschafter fühlen sich wie ein Surfer auf der perfekten Welle.

Die Niederlage ist einkalkuliert, die nächsten Schritte sind geplant

Losgetreten haben die Gewerkschaften diese Welle selber. In den Nullerjahren haben sie die Sozialpartnerschaft repolitisiert. Die Unia setzte immer stärker auf Streiks und Verhandlungsabbrüche. Dazu lancierte der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) zahlreiche Referenden und Initiativen. Das Problem dabei: Sozialpolitische Abstimmungen hat die Linke nur selten gewonnen. Zwar konnte sie Abbaumaßnahmen verhindern. So bei der 11. AHV-Revision oder der Senkung des Umwandlungssatzes in der beruflichen Vorsorge – beide Vorlagen lehnte das Volk ab.

Aber wollte die Linke an ihrem Projekt einer sozialeren Schweiz weiterbauen, scheiterte sie. Auch im letzten Herbst, als die Schweizer die 1 : 12-Initiative bachab schickten. Und nun droht die zweite Niederlage innert kurzer Zeit.

Damit ist auch die Strategie der Gewerkschaften in Gefahr. Sie lautete: Mehr Politik, weniger Sozialpartnerschaft.

Allen voran, trug die Unia die Arbeitskonflikte aus den Sitzungszimmern auf die politische Bühne und auf die Straße. Von dort holte sie sich den Rückhalt für ihre Forderungen. Mit einer Abstimmungsniederlage wird dieser empfindlich geschwächt. Darauf reagieren die Wirtschaftsverbände. "Es wäre wichtig, dass wir wieder proaktiv Verbesserungen lancieren könnten", sagte Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt letzte Woche gegenüber der ZEIT. Und bereits am 9. Februar twitterte FDP-Nationalrat Ruedi Noser: "Da wir jetzt wieder Kontingente einführen, brauchen wir auch keine flankierenden Massnahmen mehr." Solche Aussagen beeindrucken Gewerkschafter Rechsteiner nicht. "Das ist naives Wunschdenken", sagt er. In Bern gebe es derzeit keine Verbände oder Parteien, die eine solche Agenda betrieben.