Nach dem Anschluss der Krim an Russland reisten zwei Männer im Auftrag des Kremls aus Moskau nach Simferopol. Der eine war der Mufti von Moskau, der andere der Präsident der russischen Republik Tatarstan. Sie waren von Wladimir Putin auf die Krim entsandt worden, um die dortigen Tataren zu beruhigen. Die Krimtataren sind traumatisiert durch ihre Erfahrungen unter der Sowjetherrschaft, als Hunderttausende von ihnen deportiert wurden. Putins Botschaft: "Auch Tataren können in meinem neuen Großrussland leben." Krimtataren werden nun Posten in der Regierung in Simferopol angeboten. Russland hat mit der Krim 300.000 Tataren mehr, und Putin heißt sie willkommen.

Russland als revitalisiertes Vielvölkerreich – das ist die eine Geschichte, die das Moskauer Staatsfernsehen dieser Tage erzählt. Sie konkurriert, seit die blutigen Kämpfe um die Ostukraine eskalieren, mit einer zweiten Geschichte, die ethnisch-nationalistisch klingt: Die Besetzung von Gebäuden und Städten in der Ostukraine dient, so sieht es Moskau, der Verteidigung der Rechte russischsprachiger Menschen. Auch die Annexion der Krim wird als Rückkehr von Russen in den Schoß der Heimat gefeiert. Präsident Putin hat einen Sturm des Nationalismus losgetreten, der nun auch das ukrainische Kernland erfasst.

Zugleich jedoch verfolgt er weiter sein großes Ziel: Er will eine Eurasische Union schaffen, einen östlichen Gegenentwurf zur EU. Noch im Mai soll der Vertrag zur Eurasischen Wirtschaftsunion unterschrieben werden – mit Kasachstan und Weißrussland. Dabei geht es wieder um die Anbindung von Nichtrussen an Moskau. Das alles führt zum Grundwiderspruch von Putins Außenpolitik, die zwischen Nation und Imperium irrlichtert.

Je mehr Russland expandiert, desto stärker stellt sich die Frage, welcher Ideologie Wladimir Putin eigentlich folgt. Einem ethnischen Nationalismus – oder einem Neoimperialismus, demzufolge er Russland als multinationale Großmacht versteht? Beide Weltbilder konkurrieren miteinander. Wie bringt er sie zusammen? Von der Weltsicht des Präsidenten hängt ab, wie weit Russland gehen kann und wie unsicher sich seine Nachbarn fühlen müssen.

Die Spannbreite patriotischer Gefühle lässt sich an zwei Russen zeigen, der erste ein Anhänger des imperialen Vielvölkerreichs, der zweite Nationalist. Konstantin Satulin sieht in der Annexion der Krim einen Akt der Völkerfreundschaft. Der langjährige Duma-Abgeordnete rühmt das Bemühen des Kremls um die Kultur der Krimtataren. "Wir pflegen ihre Schulen, wir haben mit Tatarisch, Ukrainisch und Russisch drei Sprachen auf der Krim zugelassen." Satulins Büro in Moskau sieht aus wie ein kleines Völkerkundemuseum. Figuren aus Zentralasien, Bilder vom Altai-Gebirge und Kaukasus, Rosinen aus den südlichen Gefilden Eurasiens, Schiffsmodelle vom Schwarzen Meer. Dazu auch zwei alte Maschinengewehre und ein "Tschekisten-Kalender" mit dem Aufdruck KGB. Satulin ist in Georgien geboren und hält nicht viel von der Beschränkung russischer Interessen auf rein russische Gebiete. Nationalismus erkennt er nur bei den Ukrainern. Russland aber sei ein echter Vielvölkerstaat.

Die Eurasische Union ist sein Gegenmodell zum westlichen Bündnis

Konstantin Satulin leitet ein Institut, das sich mit den Nachbarstaaten Russlands beschäftigt, das Institut für die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Aber er ist in den Nachbarstaaten, über die er forscht, nicht gern gesehen. Kiew erklärte ihn schon zweimal zur Persona non grata. In Georgien ist er seit seinem Einsatz für die abtrünnigen Landesteile Abchasien und Südossetien verhasst. Satulins Idee von Völkerfreundschaft setzt handfeste russische Führung voraus. Manche nennen ihn deshalb einen "Imperialisten". Aber Satulin folgt eigentlich nur einem alten Modell: Schon das Zarenreich erweiterte sich zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert um Territorien fremder Völker. Die Sowjetunion machte daraus später eine abgeriegelte Vielvölkerwelt. Das war das imperiale Modell, dem bis heute viele in der Moskauer Elite nachtrauern.

Vor einigen Jahren hat Putin darum die Eurasische Wirtschaftsunion (EWU) ins Spiel gebracht. Schon jetzt bilden Russland, Weißrussland und Kasachstan eine Zollunion. In dem künftigen gemeinsamen Binnenmarkt der EWU wollte Putin auch Armenien, die zentralasiatischen Staaten und die Ukraine dabeihaben. Er gab die Linie aus, Mitgliedschaft in der EWU vertrage sich nicht mit der EU-Assoziation der Ukraine, und drängte den Ex-Präsidenten Janukowitsch darum, das EU-Angebot abzulehnen. Darüber brach der Konflikt in der Ukraine aus. Die Übergangsregierung in Kiew will sich nun lieber der EU als der EWU annähern. Sie hat bereits den politischen Teil des Assoziierungsabkommens unterschrieben. Moskau bleibt vorerst nichts anderes, als zumindest mit Kasachstan und Belarus den Vertrag zu unterschreiben.