Die liebevolle Großmutter, der gütige Großvater sind Fixsterne in unserem kollektiven Gedächtnis – weise, selbstlose Gestalten, die verlässlich netter sind als unsere Erzeuger. Der amerikanische Komiker Henny Youngman hat es auf den Punkt gebracht: "Warum kommen Großeltern und Enkel so gut miteinander aus? Weil sie beide denselben Feind haben."

Was – nur ein Zweckbündnis der Flanken gegen die Mitte, die Eltern? Diese Lesart sei jetzt erst recht mit dem gebotenen Hohn zurückzuweisen. Wer schon immer an die menschlich-sittliche Überlegenheit der Altvorderen glaubte, also an Rotkäppchens Oma und nicht an die Hexe aus Hänsel und Gretel, kann sich nun vollwissenschaftlich absichern.

Eine Studie mit 16.000 Australiern besagt: Wir werden im Laufe unseres Lebens immer besser – nicht unduldsamer und grimmiger. Der Forschungsbericht Is Happiness Good for Your Personality? im Journal of Personality (Online-Vorveröffentlichung Januar 2014) bestätigt unsere wohligen Kindheitserinnerungen. Die Testpersonen berichten, dass sie zwischen 20 und 65 emotional stabiler, gewissenhafter, umgänglicher und weniger neurotisch geworden seien.

Im Laufe des Lebens, so die Studie, werde man auch introvertierter, was man aber positiv auslegen darf. Ältere Menschen beobachten sich selber besser als Teenies, die bekanntlich nur an sich selber und ihre Smartphones denken, die es als Angriff gegen ihre Menschenwürde betrachten, den Eltern entgegenzukommen, indem sie ihr Zimmer wieder auf Vorkriegszustand bringen.

Wer sich selber prüft, ist denn auch eher bereit, fünfe gerade sein zu lassen – zu verstehen, zu vergeben und zu vergessen. Wobei schnöde Realisten behaupten, dass Oma dir zwar vergibt, dich aber nie vergessen lässt, was sie dir vergeben hat. Derlei Feindpropaganda zum Trotz besagt die Studie, dass die Älteren eben nicht so sind, wie die Jüngeren kolportieren: störrisch, selbstbezogen, rechthaberisch und allem Neuen abhold. Zählen wir die Lebenserfahrung dazu, wird endgültig klar, warum Konrad Adenauer, der mit 73 Kanzler wurde, ein besserer Politiker war als Barack Obama, der mit 47 ins Weiße Haus einzog. Und warum die Queen, 88, zu den weisesten Regenten der Weltgeschichte gehört.

"Old is beautiful" ist die Moral von dieser Geschicht’. Wenn da bloß nicht dieser alte Sack namens Samuel Frazer, 80, wäre, der gerade im Wall Street Journal einen beißenden Widerspruch abgesondert hat. "Vor Jahrzehnten war ich ein glücklicher, angenehmer Mensch. Dann entwickelte ich mich zu einem bärbeißigen, gebeugten und mürrischen Kerl. Die UPS-Fahrer geben ihre Pakete beim Nachbarn ab, weil sie mit mir nichts zu tun haben wollen. Mein Zahnarzt rät mir, meinen Zahnersatz einzusenden, statt in die Praxis zu kommen. Mein Austräger lässt die Zeitung von seinem Hund an meine Tür bringen. Ich schätze übrigens Pitbulls."

Nein, netter sei er nicht geworden, schließt er. Aber witziger, wie dieser Leserbrief zeigt. Ein hübscher Ausgleich für die arthritischen Gelenke und den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses, der allerdings auch freundlicherweise für ein mildes Gemüt sorgt. Denn man vergisst sofort, warum man gerade noch einem Familienmitglied an die Gurgel wollte.