Ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, wird getötet. Ihr Mörder kommt davon. Ihr Vater verzweifelt. Darf er seine Tochter rächen? Der Rechtsstaat kennt die Antwort: Selbstjustiz ist strafbar. André Bamberski, 76 Jahre alt, wird sich nächste Woche wegen gemeinschaftlicher Freiheitsberaubung, Anstiftung zu schwerer Körperverletzung und Bildung einer kriminellen Vereinigung im elsässischen Mülhausen vor Gericht verantworten müssen.

Doch welchem Zweck dient eine Strafe, wenn durch das Verbrechen die gerechte Ordnung erst wiederhergestellt wurde?

In der Anklageschrift heißt es: Der aus Toulouse stammende Franzose soll zwei Männer beauftragt haben, den deutschen Internisten Dieter Krombach, zu dem Zeitpunkt 74 Jahre alt, in ihre Gewalt zu bringen. Die beiden passten den Arzt am Abend des 18. Oktober 2009 vor seinem Haus in Lindau am Bodensee ab und schlugen ihn mit einem Baseballschläger nieder. Sie warfen ihn gefesselt in den Fußraum der Rückbank eines VW Sharans und fuhren über die Grenze ins französische Mülhausen, wo sie den Mann in den frühen Morgenstunden in einem Hauseingang ablegten.

Im Polizeikommissariat von Mülhausen ging um 3.40 Uhr ein Anruf ein. "Gehen Sie in die Rue du Tilleul", sagte ein älterer Herr. Dort entdeckte die Polizei den gefesselten und geknebelten Krombach. Er blutete aus Wunden am Kopf, sein linkes Auge war zugeschwollen. Ihm fehlte ein Schuh. Er wusste nicht, wo er war. Die Polizisten riefen einen Krankenwagen. Sie gaben den Namen des Verletzten in den Computer ein und stellten fest, dass der Mann seit 16 Jahren auf ihrer Fahndungsliste stand. Am Vormittag des folgenden Tages nahmen sie Krombach fest, und André Bamberskis Werk war vollbracht: Der Mörder seiner Tochter Kalinka war gefasst.

Fast drei Jahrzehnte lang hatte Bamberski Anträge gestellt, Briefe geschrieben. Er verschliss mehrere Anwälte. Er zwang die deutsche und französische Regierung dazu, sich mit dem Fall zu befassen. Er hat seine Lebenszeit und sein Vermögen gegeben, um die Rechte seiner toten Tochter gegen die Gleichgültigkeit der Justiz zu verteidigen.

Er sei sich schnell sicher gewesen, dass Krombach Kalinka umgebracht hat, sagt André Bamberski im Februar in seinem Wohnzimmer in Toulouse. Kalinka war Krombachs Stieftochter, ein blondes Mädchen, "gesund und sportlich". Ihre Mutter hatte Bamberski verlassen, um Krombach zu heiraten, und die gemeinsame Tochter mit zu ihrem neuen Mann nach Lindau genommen.

Bamberski spricht in besonnenen Sätzen voller juristischer Begriffe. Gründlich wie ein Lehrer fragt er nach, ob man das Gesagte verstanden habe. Er trägt einen Pullunder, das graue Haar liegt in einem ordentlichen Seitenscheitel. Bevor er vor einigen Jahren in den Ruhestand gegangen ist, hat er als Wirtschaftsprüfer gearbeitet. Sein Gesichtsausdruck verrät nichts von dem, was in ihm vorgeht.

Krombach sei immer ein Narzisst gewesen, sagt Bamberski, ein gut aussehender, erfolgreicher Mann, dem es gefallen habe, sich von sehr jungen Mädchen bewundern zu lassen. Er machte ihnen Geschenke, spielte ihnen klassische Musik vor und las ihnen deutsche Lyrik vor. Auf einer Postkarte, die Kalinka ihm zum Vatertag im Mai 1982 schrieb, steht: "Küsse und alles Gute für meinen lieben Papa Nummer zwei."

Am Abend des 9. Juli 1982, sagt Bamberski, habe Krombach dem Mädchen Spritzen mit verschiedenen Medikamenten gegeben, unter anderem mit einem starken Beruhigungsmittel. Er vergewaltigte sie. Sie erlitt einen Herz-Kreislauf-Schock und erstickte an ihrem Erbrochenen. Am nächsten Morgen wurde sie tot in ihrem Bett gefunden, ein 14-jähriges Mädchen, bekleidet mit einem Nachthemd und weißen Seidensöckchen an den Füßen.

Die Socken und das Nachthemd werden in dem Obduktionsbericht erwähnt, den die Rechtsmedizin Memmingen zwei Tage nach Kalinkas Tod durchführt. Dort steht auch, dass mehrere Einstichstellen an Arm, Unterschenkel und linkem Brustkorb gefunden worden seien. Krombach gebe an, heißt es weiter in dem Bericht, Kalinka ein eisenhaltiges Präparat verabreicht zu haben, weil das Mädchen sich beklagt habe, seine Haut bräune nicht schnell genug. Die anderen Einstichstellen rührten daher, dass er das Mädchen habe wiederbeleben wollen, als er es morgens tot im Bett vorgefunden habe.