Ein Chihuahua auf einer Hundeshow. © Mladen Antonov/AFP/Getty Images

Stefan Bröckling ist Tierrechtler: Er rettet Hühner aus engen Käfigen und vermittelt sie in "ein gutes Zuhause". Er lässt Hunde von der Kette, er stellt sich Jägern vor die Flinte, damit der Fuchs entfliehen kann. Seit zwanzig Jahren ist der Mann im Einsatz, inzwischen am liebsten mit der Kamera. Heimlich filmt er die beklagenswerten Zustände in deutschen Ställen, veröffentlicht die Bilder im Internet oder gibt sie an Fernsehsender weiter. Bröckling ahnt, dass er den Krieg nicht gewinnen kann. "Aber ich kämpfe gegen das Unrecht, das wir den Tieren antun."

Vor ein paar Jahren noch galten Aktivisten wie Stefan Bröckling als radikale Spinner. Doch jetzt sieht man sie in einem andern Licht. Die Zahl der Bröcklings nimmt zu, die Bewegung wächst. Und sie verändert sich. Jetzt geht es nicht mehr nur um Protest gegen Massentierhaltung, Tierversuche oder Jagd. Mehr und mehr rückt etwas Generelles in den Fokus: das Unrecht, das der Mensch anderen Lebewesen zufügt.

Tierrechtler wie Bröckling sind überzeugt, dass nichtmenschliche Lebewesen nicht nur Mitleid und Schutz verdienen, sondern unveräußerliche Rechte haben. Rechte, die bislang nur der Mensch für sich in Anspruch nimmt. Sie wollen Grundrechte für Tiere. Noch stehen die nicht im Grundgesetz. Das soll sich ändern.

Was schulden wir Menschen den Tieren? Diese Frage treibt längst nicht mehr nur Vegetarier oder Philosophen um. Übers ganze Land legt sich ein Unwohlsein: Kinder brechen in Tränen aus, wenn sie Schweinetransporter sehen, aus deren Belüftungsöffnungen die Rüssel und Ringelschwänze der todgeweihten Passagiere ragen. Jugendliche verweigern bei Tisch mit einem Mal das Schnitzel, aus Mitleid, Ekel, schlechtem Gewissen – und einem untrüglichen Gefühl für neue Trends. In Buchläden sind vegetarische Kochbücher mittlerweile Bestseller, und das VeganBlog steht in den deutschen Blogcharts regelmäßig unter den ersten zehn.

Kosmetikhersteller werben für teure Produkte damit, dass sie garantiert keine tierischen Bestandteile enthalten. In den Hörsälen der Universitäten sind die Vorlesungen zur Tierethik bis auf den letzten Platz besetzt. Institute, in denen Tierversuche stattfinden, werden von den Studenten boykottiert. Fluggesellschaften weigern sich, Versuchstiere zu transportieren. Und Banken lehnen es ab, Tierversuche zu finanzieren.

Das Thema hat sogar seinen Weg ins Berliner Regierungsviertel gefunden. Normalerweise verkünden in der Bundespressekonferenz Politiker den Journalisten ihre Meinung zu wichtigen Problemen der Menschheit. Hier geht es um den Nahen Osten oder die Rente. Die Nebenräume kann aber jeder mieten, und dort ging es in der vergangenen Woche plötzlich um – Affen. Im brechend vollen Saal zeigte die Giordano-Bruno-Stiftung einen Film über das Schicksal der Menschenaffen in deutschen Zoos. Jammervolle Gestalten waren zu sehen: apathische Schimpansen, lethargische Gorillas. Die Initiative fordert aber keine größeren Käfige. Sie will "Freiheit" und "Selbstbestimmung" dieser Tiere. Und dafür will sie nichts Geringeres als die Änderung des Grundgesetzes. Sie möchte "Grundrechte für Menschenaffen".

In Deutschland werden Haustiere besonders verhätschelt

Neu ist das nicht. Die Idee geht zurück auf den australischen Philosophen Peter Singer. Sein Buch Animal Liberation hat sich seit 1975 weltweit mehr als eine halbe Million Mal verkauft. Neu ist allerdings der prominente Ort, an dem solche Forderungen mittlerweile erhoben werden. Und die prominenten Unterstützer. Mit auf dem Podium sitzt Dieter Birnbacher und nickt. Der Mann ist Vorsitzender der Ethikkommission der Bundesärztekammer, also des höchsten Medizinergremiums für Fragen nach richtig und falsch.

Aber was ist richtig an unserem Umgang mit dem Tier und was falsch? Der Mensch ist die Krone der Schöpfung, und alle Lebewesen sind ihm untertan. So steht es schon im Alten Testament, und aus diesem Machtanspruch leiten Menschen bis heute das Recht für sich ab, Tiere einzusperren, zu dressieren, zu töten und zu essen. Jetzt wird das alles infrage gestellt durch die sich ausbreitende Denkrichtung des "Antispeziesismus", die Singer einst begründete und die jene Aktivisten in der Bundespressekonferenz antreibt. Singer verglich den rücksichtslosen Umgang mit Tieren mit der Diskriminierung von Menschengruppen, mit Sexismus oder Rassismus. So wie einst Sklaven und Frauen aus der Unterdrückung befreit wurden, soll das jetzt auch mit Tieren geschehen.