Dolly Parton, geboren 1946 in Tennessee © Sony Music

Ich liebe Dolly Parton. Jahrelang habe ich behauptet, mein Herz schlüge ausschließlich für Alternative Country. Ich habe meine Gegenüber mit Platten von Gene Clark und Townes Van Zandt eingelullt, nur um ihnen dann in einem wehrlos-schläfrigen Moment Dollys zwitschrigsten Hit Love is Like a Butterfly um die Ohren zu knallen. Inzwischen aber mache ich keine Gefangenen mehr und lege im voll besetzten Tourbus Dollys größte Hits auf. Mitgehangen, mitgefangen. LOVE! IS! LIKE! A! BUTTERLFY! Und zu Hause: Es gibt wenig Erhebenderes, als morgens in der Küche Dollys größte Hits mitzuschmettern, auch wenn jedem normalen Menschen dabei die Stimmbänder durchknallen müssen – und die Synapsen.

Es ist ein süßes, berauschendes, seelenvolles Vergnügen, sich von Dolly Parton in den Tag flöten zu lassen. Ein Vergnügen, das dem kopflastigen Europäer eine gewisse Fähigkeit zur Selbstnegation abnötigt und das sich nicht gut mit allzu viel Dünkel verträgt. Aber es ist kein guilty pleasure. Denn an meiner Verehrung ist nichts Postmodernes, kein Augenzwinkern. Die Frau, die vor Jahren einen "Dolly Parton Look-Alike Contest" gegen eine Dragqueen verlor, die von sich sagt, es koste "viel Geld, so billig auszusehen", deren erster wirklicher Hit den Titel Dumb Blonde trug – diese Frau ist für mich eine der aufrichtigsten und beeindruckendsten Persönlichkeiten der Popgeschichte. Und ich würde sie, ohne mit der – heimlich angeklebten – falschen Wimper zu zucken, als eine meiner wichtigsten Inspirationsquellen bezeichnen. You heard me right, honey.

Missionierungswillige sollten sich nicht direkt Blue Smoke, das neue Album von Dolly Parton, vornehmen. Das ist zwar, seinem Airbrush-Cover zum Trotz, besser, als man glauben könnte, und im Vergleich zu anderem Mainstream-Country gar nicht so schlimm produziert. Einsteigern sei trotzdem erst mal der Besuch ihres Berlin-Konzerts im Juni ans Herz gelegt. Und zur Vorbereitung: eines der umfangreichen Best-ofs. Wer sich auf das Partonsche Œuvre einlassen will, hat damit alle Hände voll zu tun.

Klein Dolly, relativ mittiges von zwölf Kindern, 1946 geboren in einer ländlichen Gegend von Tennessee, aufgewachsen in tiefer Armut und auf den hohen Hacken der Mutter, trat mit 13 das erste Mal in der Grand Ole Opry Show auf und verkaufte bald darauf ihre ersten Schallplatten aus dem Kofferraum des onkelschen Autos. Ihren unverwechselbaren Stil fand sie früh, und sie sollte ihm treu bleiben: "Ich mache Witze darüber", sagt sie selbst, "aber ich habe meinen Look offensichtlich der örtlichen Kleinstadthure nachempfunden. Ich wusste nicht, wer sie war, aber sie war blond und türmte ihr Haar auf, trug hohe Absätze und kurze Röcke, und für mich war sie das hübscheste Ding, das ich jemals gesehen hatte. Mama sagte: 'Oh, die ist doch fürchterlich trashig.' Und ich dachte: 'Das will ich sein, wenn ich groß bin: Trash.' "

Die große Dolly (die nicht größer als 1,52 Meter werden sollte) stand zu ihrem pubertären Wort, half ordentlich nach mit Kunsthaar und plastischer Chirurgie und legte so den Grundstein für ihren späteren Status als wahrscheinlich einzige simultane Trucker- und Schwulenikone. Letzteres Attribut übrigens ist eine glitzernde Krone, die sie mit großem Stolz trägt – und mit im Country bis dahin ungesehener Offenheit, was gelegentlich zu Ku-Klux-Klan-Aufmärschen vor ihrem Themenpark "Dollywood" führt. Trotzdem haut sie Jahr für Jahr weitere Bonmots raus wie: "Gut, dass ich ein Mädchen geworden bin, sonst hätte ich wohl Dragqueen werden müssen." Den ersten Platz im Ähnlichkeitswettbewerb hätte sie einer Frau wahrscheinlich zögerlicher überlassen als jenem Zwei-Meter-Mann in blonder Perücke.