Mit Schmunzeln und Stirnrunzeln habe ich Jochen Bittners Glosse Lost in Translation über die Grenzen der Simultanverdolmetschung gelesen (ZEIT Nr. 19/14). Ich bin einer der Dolmetscher der Debatte zwischen den vier Spitzenkandidaten der Europawahl gewesen, der Debatte, von der Bittner meint, sie sei an ihrer Unübersetzbarkeit gescheitert. Natürlich gibt es Grenzen, wenn es darum geht, Temperamente oder emotionale Engagements von Rednern zu vermitteln. Aber darin besteht auch nicht die erste Aufgabe von Dolmetschern. Die Hauptsache ist, die Botschaft korrekt zu vermitteln. Und ich frage mich, ob den Fernsehzuschauern und Politikern eigentlich klar ist, welche Leistungen Simultandolmetscher allein dazu erbringen müssen. 

Oft höre ich die Frage: "Respekt, Respekt, wie schnell Sie das übersetzen. Denken Sie eigentlich noch über den Inhalt nach, wenn Sie arbeiten?" Ich antworte dann schon mal spaßeshalber: "Nein, wo denken Sie hin? Dafür haben wir überhaupt keine Zeit. Der O-Ton kommt im Ohr an und tritt auf kürzestem Weg in der Zielsprache durch den Mund wieder aus."

Der Konzentrationsaufwand beim Simultandolmetschen ist immens. Eigene Befindlichkeiten, Sorgen, Nöte müssen komplett ausgeblendet werden. Es ist mit dem Dribbeln im Fußball zu vergleichen: Eine kleine Unachtsamkeit, und der Ball ist weg, man verliert den Faden. Aber selbst bei einem Höchstmaß an Konzentration machen die Redner es einem oft nicht leicht. Immer wieder kommen Zweifel auf, ob man sie wirklich richtig verstanden hat oder ob man durch einen Fehler gleich einen Eklat auslöst. So sagte zum Beispiel George W. Bush am 5. Juni 2003 in einer US-Basis in Katar: "America sent you on a mission to remove a grave threat and to liberate an oppressed people, and that mission has been accomplished." Nein, er hatte sich nicht versprochen, er verkündete da gerade wirklich das erfolgreiche Ende des Irakkrieges. Genauso wie es Silvio Berlusconi ernst meinte, als er nach dem verheerenden Erdbeben im italienischen L’Aquila 2009 sagte, das Leben dort in den provisorischen Zeltstädten sei doch fast wie im Campingurlaub.

Ein jüngeres Beispiel dafür, welche Verantwortung auf Dolmetschern lastet, war die Pressekonferenz von Außenminister Frank-Walter Steinmeier und der EU-Außenbeauftragten Catherine Ashton am 30. April 2014 in Berlin. Steinmeier berichtet über die Bemühungen, die als Geiseln festgehaltenen OSZE-Beobachter in Slowjansk freizubekommen. Dabei verwendet er den Begriff der "Gesprächsstände". Darüber könnte man schnell hinweghören oder ihn gar als sprachliche Fehlleistung fehldeuten. In Wirklichkeit drückte Steinmeier mit diesem einen kleinen Wort die ganze Vielschichtigkeit der Verhandlungen aus. Da muss man dann schnell schalten, mit "the achievements of our talks" etwa.

Am selben Tag hielten Angela Merkel und Barack Obama eine Pressekonferenz in Washington ab, die ich ebenfalls fürs Fernsehen dolmetschte. Obama verwies darauf, was die ukrainische Regierung schon alles unternommen habe. Dabei muss man sofort erkennen, dass der US-Präsident die Verpflichtungen zitierte, die Russen und Ukrainern aus der Genfer Vereinbarung vom 17. April 2014 erwachsen. Die Verdolmetschung setzt die Kenntnis des Dokuments voraus. Und nicht nur diese. Ich muss auch vorher klären, ob Merkel und Obama sich duzen oder siezen (indem ich schaue, ob Merkel bei einen vergleichbaren Anlass schon einmal "Barack, du …" gesagt hat. – Ja, sie hat es).

Der geschätzte Kollege Werner Zimmermann, der lange Jahre unter anderem für Helmut Kohl arbeitete, sagte kürzlich in einem Interview: "Die große Herausforderung, aber auch ein Vorteil dieses Berufes ist, dass man immer auf der Höhe des politischen Geschehens sein muss. Man kann es sich nicht leisten, keine Zeitung zu lesen, keine Nachrichten zu schauen.

Bei der Finanzkrise, die ich vier Jahre lang beruflich begleitet habe, sind viele neue Vokabeln und Abkürzungen entstanden. ABS, muss man gelernt haben, steht für Kreditverbriefungen in Form von gedeckten Bankschuldverschreibungen. CDO steht für die Verpackung von Schulden in verbrieften Forderungen.