Es gibt einen Ort, an dem die politisch Heimatlosen zu Hause sind, er liegt im Taunus, gut eine halbe Autostunde nordwestlich von Frankfurt. Deutschland sieht hier satt und sauber aus, eine Modellbahnwelt mit sanften Hügeln und verwinkelten Gassen, mit gepflegten Vorgärten und frisch gestrichenen Fachwerkhäusern. Die Menschen sind wohlhabend, die Arbeitslosigkeit liegt bei 3,8 Prozent, und durch die Fußgängerzone weht noch immer ein Hauch von Wirtschaftswunder. Wer hier wohnt, kauft nicht bei Deichmann und Ikea, sondern im Schuhhaus Schmelcher und bei Gardinen Ruppel. Die Restaurants heißen "Zum Hirsch" und "Zum Schwanen", es gibt grüne Soße mit Kartoffeln und Ei.

Oberursel, 44.500 Einwohner, ist eine Stadt des deutschen Bürgertums, eine Stadt von Menschen wie Henning Dransfeld.

Er ist 45 Jahre alt, ein schlanker Mann, der sich zur Begrüßung sacht verneigt, der seinen Besuchern aus dem Mantel hilft und Kaffee mit aufgeschäumter Milch serviert. Dransfeld ist Doktor der Betriebswirtschaft, er arbeitet in einem IT-Beratungsunternehmen und betreut Kunden aus ganz Europa.

Seit Dransfeld im Jahr 1987 zum ersten Mal eine Wahlbenachrichtigung bekam, hat er FDP gewählt. Heute sagt er: "Die Liberalen haben ihre bürgerlichen Werte verraten. Ich bin politisch heimatlos geworden."

Oberursel war immer eine Hochburg der FDP. Noch bei der Bundestagswahl 2009 kam die Partei hier auf 20 Prozent, die CDU erreichte 36 Prozent. Oberursel half mit, dass in Berlin Schwarz-Gelb an die Macht kam, dass in Deutschland das Bürgertum regierte.

Dann geschah etwas, das niemand erwartet hatte: Das Bürgertum entfernte sich von der bürgerlichen Regierung. Die Kluft öffnete sich in Oberursel. Anfang Februar 2013 zwängten sich auf einmal rund 1.000 Menschen in die Stadthalle: Es waren Unternehmer, Rechtsanwälte, Professoren, Handwerker aus der ganzen Republik. Sie waren gekommen, um eine neue bürgerliche Partei zu gründen. Die Alternative für Deutschland, AfD.

Bis heute haben 18.000 Menschen einen Mitgliedsantrag der AfD unterschrieben, bei Facebook hat die Partei mehr als 100.000 Anhänger, eine Jugendorganisation wurde gegründet und in fast jeder größeren deutschen Stadt ein Ortsverein. In Oberursel stellte die AfD zur Bundestagswahl einen Infostand in der Fußgängerzone auf, gleich neben dem Stand der FDP, auch Henning Dransfeld blieb bei den Leuten von der neuen Partei stehen. Er suchte Orientierung.

Seit einigen Jahren beschleicht Dransfeld das Gefühl, dass um ihn herum ziemlich viel verkehrt läuft: In Brüssel schicken EU-Bürokraten deutsche Milliarden nach Griechenland! In Berlin bevölkern Rumänen und ihre Kinder ganze Straßen und kassieren deutsche Sozialleistungen! In Baden-Württemberg soll Homosexualität an Schulen gelehrt werden!

Schwarz-Gelb galt mal als bürgerliches Lager, als konservativ und wirtschaftsliberal. Dann setzte die Koalition den Atomausstieg durch, schaffte die Wehrpflicht ab, baute die Kindergärten aus und fing an, über Frauenquoten zu diskutieren. Ausgerechnet unter einer bürgerlichen Regierung wurde Deutschland grüner, weiblicher und linker.

So ist im deutschen Parteienspektrum eine Lücke entstanden, ein politisches Niemandsland, in dem das Bürgertum wohnt, in dem Städte wie Oberursel liegen. Bei der Europawahl am übernächsten Sonntag wollen vor allem zwei Parteien dieses Niemandsland besetzen. Wird es die FDP schaffen, enttäuschte bürgerliche Wähler wie Henning Dransfeld zurückzugewinnen? Oder gelingt es der AfD, sie an sich zu binden? Ist die neue Partei eine ernst zu nehmende politische Kraft – oder eine Bewegung von Spinnern?

Der Kampf um das Niemandsland beginnt am 7. Dezember 2013. Bundesparteitag der FDP, knapp elf Wochen nach der schlimmsten Niederlage in der Geschichte der Liberalen, der verlorenen Bundestagswahl. Die FDP sitzt nicht mehr im Parlament, die Abgeordneten mussten ihre Büros räumen. Früher traf sich die Partei in teuren Hotels, jetzt tagt sie in einer Halle in Berlin-Kreuzberg, in der sonst Fahrradmessen und Gartenmöbelschauen stattfinden. In den Umfragen rangieren die Liberalen nur noch bei vier Prozent, sie haben gegenüber der Bundestagswahl weiter verloren. Die FDP ist jetzt ganz unten.

Eine Frau tritt ans Rednerpult, die die meisten der 600 Delegierten noch nie gesehen haben. Sie ist klein, zierlich, mit einer grauen Kurzhaarfrisur. Per Knopfdruck lässt sie das Pult ein Stückchen herunterfahren. Sie hat Karteikarten vorbereitet, pro Karte ein Stichwort. Sie will frei sprechen, aber sich auch nicht verheddern. Es ist die bisher wichtigste Rede ihres Lebens.

Die Frau heißt Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Sie ist 56 Jahre alt, Mutter von drei Kindern, Motorradfahrerin und stellvertretende Oberbürgermeisterin von Düsseldorf. Sie soll zeigen, dass die FDP noch etwas anderes kann als Steuern senken, zum Beispiel vernünftig wirtschaften. Düsseldorf ist eine der wenigen deutschen Großstädte ohne Schulden.

Mit ihrer Rede bewirbt sich Strack-Zimmermann um das Amt der stellvertretenden Parteivorsitzenden. Sie tritt gegen den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Frank Schäffler an, den prominenten Euro-Rebellen der FDP.

Wenige Themen haben das deutsche Bürgertum in den vergangenen Jahren so beschäftigt wie die Krise der europäischen Währung. Fleißig sein, sich etwas aufbauen, Eigenverantwortung übernehmen, all das sind bürgerliche Urideale. Und jetzt soll ein leistungsstarkes Land wie Deutschland für die überschuldeten Südeuropäer einstehen?