DIE ZEIT: Herr Praet, die Konjunktur in Europa zieht an. Wäre es nicht an der Zeit, Zinserhöhungen vorzubereiten – anstatt die Geldpolitik weiter zu lockern, wie es die Europäische Zentralbank (EZB) vergangene Woche recht klar angedeutet hat?

Peter Praet: Das stünde nicht im Einklang mit unserem Mandat. Die EZB hat den Auftrag, für Geldwertstabilität zu sorgen. Darunter verstehen wir eine Inflationsrate von nahe, aber unter zwei Prozent auf mittlere Sicht. Diese Präzisierung ist übrigens noch unter Otmar Issing ...

ZEIT: ... dem ehemaligen Chefvolkswirt der Bundesbank und Ihrem Vorgänger ...

Praet: ... ausgearbeitet worden. Derzeit beträgt die Inflationsrate im Euro-Raum 0,7 Prozent. Mit einer so niedrigen Teuerung können wir uns mittelfristig nicht zufriedengeben, wenn wir erreichen wollen, was wir angekündigt haben.

ZEIT: Das ist ein formales Argument.

Praet: Wieso formal? Es geht um Glaubwürdigkeit, die für eine Notenbank sehr wichtig ist. Die Menschen müssen sich darauf verlassen können, dass wir die jährliche Inflationsrate nahe, aber unter zwei Prozent halten. Das ist wichtig für ihre wirtschaftlichen Entscheidungen. Deshalb können wir es nicht zulassen, dass die Inflation dauerhaft von dem Wert abweicht, den wir erreichen wollen, ob nach oben oder nach unten.

ZEIT: Viele Experten erwarten aber, dass die Inflation schon bald von selbst wieder anzieht.

Praet: Wir gehen davon aus, dass die Teuerung nur allmählich ansteigt. Nach unseren aktuellen Prognosen – neue werden wir im Juni vorstellen – nähert sie sich erst Ende 2016 der Marke von zwei Prozent. Und wir haben zuletzt eher Überraschungen nach unten beobachtet, das heißt, die Inflation war in den letzten Monaten eher etwas niedriger als erwartet. Je länger sich dieser Anstieg verzögert, desto größer die Gefahr, dass sich die Inflationserwartungen ändern. Dann würden sich Firmen und Haushalte auf sehr niedrige Inflationsraten einstellen und ihr Verhalten daran ausrichten. Deshalb dürfen wir nicht zulassen, dass die Inflation zu lange zu niedrig ist.

ZEIT: Warum wäre das gefährlich?

Praet: Keine Notenbank strebt mittelfristig eine Inflation von null an – auch die Bundesbank hat das früher nicht getan. Im Normalfall ist das Ziel der Geldpolitik eine moderate Teuerungsrate. Man kann dies als Sicherheitsmarge bezeichnen, um dem Risiko einer Deflation vorzubeugen, welche schwere Nachteile für Wachstum und Beschäftigung bedeuten würde. In einer Währungsunion erleichtert eine moderate Inflationsrate auch notwendige wirtschaftliche Anpassungen.

ZEIT: Weshalb?

Praet: Besteht etwa Korrekturbedarf bei den Löhnen, so weiß man, dass sich in der Praxis Lohnkürzungen nur schwer durchsetzen lassen, Lohnzurückhaltung aber ist durchaus möglich. Eine moderate Inflation sorgt also vereinfacht gesagt dafür, dass real gerechnet die Löhne fallen, auch wenn sie nominal unverändert bleiben.

ZEIT: In den Krisenstaaten sind die Preise und Löhne viele Jahre lang viel zu schnell gestiegen. Die niedrige Inflation hilft den Unternehmen dort, gegenüber ihren Konkurrenten im Norden wieder wettbewerbsfähig zu werden. Wieso wollen Sie dagegen vorgehen?

Praet: Das ist korrekt, es gab diese Fehlentwicklungen. Inzwischen aber haben die meisten der betroffenen Länder einen guten Teil der Preisanpassung geschafft, und der Anpassungsprozess wird noch fortdauern. Was wir aber nicht wollen, ist, dass dies zu einer dauerhaften Änderung der Inflationserwartungen für den Euro-Raum führt.