Per Mertesacker hätte selbst nicht gedacht, dass er sich zehn Jahre in der Nationalmannschaft hält. © Alexander Hassenstein/Bongarts

Ein sonniger Frühlingstag in London. Per Mertesacker kommt in Jeans und T-Shirt in den Pizza Express im Stadtteil Hampstead geschlendert, das Restaurant seiner Wahl: altes Parkett, verschrammte Tische, unaffektierte Speisekarte – alles so bodenständig, wie auch Mertesacker selbst sein soll. Er lässt eine Flasche stilles Wasser kommen und legt sein Handy daneben: das klassische Leistungssportlergedeck. Seit drei Jahren spielt Mertesacker, 29, für den FC Arsenal London. Der Innenverteidiger hat sich dort wie auch in der deutschen Nationalelf längst etabliert. Im vorläufigen Kader für die Weltmeisterschaft in Brasilien ist er eine feste Größe – zwischen gerade genesenen Langzeitverletzten und Bayern-Spielern in Form- und Sinnkrise. Darum soll es gehen.

DIE ZEIT: Herr Mertesacker, können Sie uns jetzt schon sagen, warum wir auch in diesem Jahr nicht Fußballweltmeister werden?

Per Mertesacker: Nö. Ich kann Ihnen aber sagen, dass mir die Scouting-Experten hier bei Arsenal erzählen: "Per, you will do it! Ich hab beim Buchmacher mein ganzes Geld auf euch Germans gesetzt."

ZEIT: Wie erklären Sie sich dann den Pessimismus rund um die deutsche Nationalelf? Vor einem Jahr war das Team in den Augen der Fans der sichere Weltmeister – jetzt rechnet fast jeder damit, dass spätestens im Halbfinale wieder Schluss ist ...

Mertesacker: ... und zwar gegen Spanien oder Italien, schon klar. Ich teile dieses Gefühl nicht. Es entsteht wohl daraus, dass wir Deutschen auf dem Papier super Spieler haben und inzwischen auf jeder Position doppelt besetzt sind. Aber wir sind weit davon entfernt, zu sagen: Alle sind in ihrem Rhythmus, in Topform. Stand jetzt sind wir nicht in der Lage, die WM so zu bestreiten, wie wir das wollen: nämlich erfolgreich.

ZEIT: Das klingt auch nicht sehr optimistisch.

Mertesacker: Die Engländer sind genauso skeptisch und wühlen immer noch in ihrer Vergangenheit: "Wir können kein Elfmeterschießen", "Gegen Deutschland verlieren wir immer", solche Sachen.

ZEIT: Sie spielen beim FC Arsenal in einem multinationalen Kader: Da sind englische, französische, spanische, deutsche Nationalspieler. Reden Sie untereinander oft über die WM, die aus Teamkollegen Konkurrenten macht?

Mertesacker: Ja, spaßig. Den Engländern sagen wir: Ihr fliegt schon in der Vorrunde raus, gegen Italien und Uruguay. Keiner, egal, für welches Land er spielt, hat genug Selbstvertrauen, zu sagen: Wir hauen euch in Brasilien alle weg.

ZEIT: Woran liegt das?

Mertesacker: Wir spielen in den Vereinen inzwischen alle einen sehr schnellen, laufintensiven Fußball – und niemand von uns weiß so genau, wie viel davon wir unter tropischen Bedingungen umsetzen können. Ich war noch nie in Brasilien. Aber die Florida-Reise mit der Nationalelf im vorigen Sommer (Deutschland spielte gegen Ecuador und gewann 4 : 2, Anm. d. Red.) hat uns eine Ahnung vermittelt: dieses Gefühl, nicht genug Luft in die Lungen zu bekommen. Diese Ermattung schon nach fünf Minuten. Noch mehr als sonst werden Teamgeist und totale Fitness bei dieser WM entscheiden.

ZEIT: Wie soll das gut gehen mit Spielern wie Klose und Khedira, die lange verletzt waren?

Mertesacker: Viele von uns stehen doch in der Blüte ihrer Karriere. Da ist die Motivation, nach so vielen zweiten und dritten Plätzen eben doch noch diesen Titel zu holen, viel größer als alle Versagensängste.

ZEIT: Allerdings ist beim FC Bayern jetzt auch noch die große Systemdebatte um Pep Guardiolas Ballbesitz-Fußball entbrannt. War vor einem großen Turnier jemals mehr Verunsicherung?

Mertesacker: Mich stört an der Debatte vor allem die fehlende Konsistenz in der Berichterstattung und Meinung. Im März holt der FC Bayern die schnellste Meisterschaft der Bundesligageschichte, und man feiert Guardiola und die Mannschaft. Vier Wochen später stellt man das gesamte System infrage.

"Bei der Nationalmannschaft gibt es eine Bücherkette, die bei Oliver Bierhoff beginnt und bei mir endet"

ZEIT: Mit Ihnen bei Arsenal spielen zwei weitere Sorgenkinder der Deutschen: Mesut Özil und Lukas Podolski. Trügt die Hoffnung, dass Sie sich als Ältester um die beiden kümmern wie ein Herbergsvater?

Mertesacker:(lacht) Herbergsvater? Wenn, dann nur abseits des Platzes. Als Poldi 2012 nach London kam, war ich ja schon ein Jahr hier und habe ihm gesagt: "Lukas, England ist super, aber zieh bloß nicht in ein frei stehendes Einfamilienhaus – im Sommer ist alles schön, aber im Winter kommt der Wasserrohrbruch. Guck auch, dass die Fenster Doppelverglasung haben." Am Ende hat er dann fast neben mir gewohnt.

ZEIT: Und wenn Sie eine Wurst zu viel auf dem Grill haben, holen Sie die beiden rüber?

Mertesacker: Wir sehen uns sowieso jeden Tag – und wenn man sich jeden Tag sieht ... Poldi habe ich in den ersten zwei Wochen zum Training mitgenommen. Aber der Poldi lernt schnell. Ab und zu bekomme ich von ihm oder Mesut noch eine SMS mit Detailfragen, so etwas wie: "Meine Familie steht in Heathrow am Flughafen. Wie kommt die jetzt zu mir?" Dann schreibe ich: "Mit dem Heathrow-Express bis Paddington Station. Von da mit der U-Bahn über King’s Cross nach Hampstead."

ZEIT: Sie fahren U-Bahn?

Mertesacker: Hin und wieder. London ist so groß, so bunt, dass mich niemand erkennt.

Der Stadtteil Hampstead im Norden der englischen Hauptstadt ist eine Art London-Prenzlauer Berg: viele Cafés und Boutiquen, viele Kinderwagen, viele Familien mit Geld – aber wenige abgeschottete Villen, eher ein Leben zur Straße hin. Durch Mundpropaganda ist das Viertel zur Kolonie deutscher Fußballprofis in London geworden: Erst zog der Torwart Jens Lehmann hierher, dann Mertesacker, schließlich folgten Podolski und Özil.

ZEIT: Beraten Sie Özil und Podolski nur in Sachen Laufwege durchs Nahverkehrsnetz? Oder auch, was Laufwege auf dem Fußballplatz betrifft?

Mertesacker: Ich gehe nicht hin und sage: "Du musst den Pass zwei Meter weiter links rausspielen." Damit kennen die sich so gut aus wie ich. Was ich mir gegenüber jüngeren Spielern eher erlaube, sind Ratschläge, die sich aus zehn Jahren Profialltag ergeben.

ZEIT: Zum Beispiel?

Mertesacker: Zum Beispiel rate ich jedem Langzeitverletzten, seine Reha – wenn möglich – fernab seines Fußball-Alltags zu machen. Ich gehe immer nach Donaustauf. Da fragen keine Reporter, ob ich Fortschritte mache. Da muss ich meinen Teamkollegen nicht beim Training zusehen. Da treffe ich Spitzensportler, Breitensportler und die Omi, die Hüftprobleme hat. Das hält mich zu einem gewissen Grad bodenständig. Ich empfinde das als Reinigungsprozess.

ZEIT: Von einem Sky-Abo raten Sie auch ab?

Mertesacker: Bei der Nationalmannschaft gibt es jedenfalls eine Bücherkette. Die beginnt bei Oliver Bierhoff, geht dann zu mir (lacht) ... und reißt da ab. Heute haben im Mannschaftsbus ja alle Kopfhörer auf und stimmen sich mit ihrer Lieblingsmusik aufs Spiel ein. Man kann sich kaum noch unterhalten.

ZEIT: In der Nationalelf wie auch beim FC Arsenal gelten Sie als verlängerter Arm Ihrer Trainer. Können Sie erklären, was genau das ist: ein verlängerter Arm?

Mertesacker: Nö. Oder vielleicht doch: In Gesprächen mit dem Trainer merkt ein Spieler ja, wie viel Vertrauen da ist, wie oft er hört: "Du bist wichtig für mich. Du gibst die Kommandos. Dies und das will ich von dir sehen."

ZEIT: Läuft diese Kommunikation nur in eine Richtung?

Mertesacker: Der Input von uns Spielern ist bei der Nationalmannschaft größer. Joachim Löw fragt schon: "Wie macht ihr das im Verein? Was können wir verbessern?" Dabei geht es aber ausschließlich um Input, nicht um eine Diskussion. Am Ende sagt der Trainer, was er für richtig hält. Dann müssen alle mitziehen.

ZEIT: Hat Löw Sie je gefragt, ob Sie gerade Spieler A oder Spieler B vorne sehen?

Mertesacker:(lacht) ...

ZEIT: Ist die Frage so komisch?

Mertesacker: Sorry. Aber so eine Frage hat mir ein Trainer noch nie gestellt. Noch nicht mal: "Passt A oder B besser zu dir als Innenverteidiger?"

ZEIT: Sowohl Joachim Löw bei der Nationalelf als auch Arsène Wenger beim FC Arsenal gelten als sogenannte Konzepttrainer. Gehört zum Konzept auch, keine Debatten zu führen?

Mertesacker: Eine gewisse Entschlossenheit und Überzeugtheit von sich haben beide. Sie sind sehr prägende Trainer, ruhig, gelassen – und jeder mit einer Philosophie, die er umgesetzt sehen will.

"Im EM-Halbfinale 2012 waren wir gegen Italien einfach nicht gut genug"

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Per Mertesacker im Fußballzeitalter der "Konzepte" und "Philosophien" erfolgreich ist: Der Abiturient ist kein Eisenfuß alter Schule, sondern gilt als vorausschauender Verteidiger, dessen Stellungsspiel so gut ist, dass er Zweikämpfe oft umgeht und weitestgehend ohne Fouls auskommt. Für den 1,98 Meter großen Defensivspieler brach Arsenal-Trainer Wenger seine Faustregel, niemals einen Profi zu kaufen, der größer ist als er selbst (1,92 Meter). In London bescheinigte ihm eine Boulevardzeitung anfangs zwar "die Grazilität eines kaputten Liegestuhls", doch mittlerweile hütet Mertesacker beim FC Arsenal nicht nur die Mannschaftskasse, sondern ist unter Wenger auch stellvertretender Mannschaftskapitän – und die Fans singen zur Melodie von "Guantanamera": "We’ve got a big fucking German."

ZEIT: Trügt der Eindruck, dass der Fernsehzuschauer bei einer Fußballübertragung vor 30 Jahren allenfalls drei Minuten lang den stoischen Ernst Happel zu sehen bekam, heute aber in jeder zweiten Szene wild gestikulierende Löws, Klopps und Guardiolas eingeblendet werden?

Mertesacker: Den Eindruck habe ich auch. Trainer sind Stars geworden. Mächtiger auch, glaube ich.

ZEIT: Wodurch?

Mertesacker: Der Fußball wird heute wissenschaftlicher betrieben, professioneller. Es gibt tausend Parameter, die gemessen werden: die Laufleistung der Mannschaft. Die Kontaktzeiten zwischen Ballannahme und -abgabe. Die Zahl der Sprints, da wird jeder Spurt gewertet, der 20 Kilometer pro Stunde erreicht. Der Bundestrainer kann genau sagen: Beim 4 : 1 gegen Argentinien hatten wir als Mannschaft 180 Sprints – warum haben wir die jetzt nicht? Bei der WM 2006 lagen zwei Sekunden zwischen Ballannahme und -abgabe, jetzt sind wir bei gut einer Sekunde, aber die Spanier sind noch schneller – da müssen wir auch hin!

ZEIT: Lässt sich Fußball komplett in Zahlen fassen?

Mertesacker: Natürlich nicht. Wenn ich als Innenverteidiger zwölf statt acht Kilometer laufe, kann das auch heißen, dass ich falsch gestanden habe. Aber im Großen und Ganzen ist es so: Der Fußball ist schneller, komplexer und moderner geworden – und das liegt mehr denn je an den Trainern und deren Konzepten.

ZEIT: Den berühmten Matchplan, von dem Trainer jetzt immer reden, gibt es den eigentlich auch auf Papier?

Mertesacker: Nö. Es geht immer darum: Bei eigenem Ballbesitz so schnell spielen, dass der Gegner nicht an den Ball kommt. Und das Spiel dorthin verlagern, wo man in Überzahl ist. Bei Ballbesitz des Gegners geht es um das Anlaufen, das Pressing: Auf welcher Höhe des Spielfeldes greifen wir an? Über welche Seite lassen wir den Gegner kommen? Wen pressen wir, bevor er angespielt wird? Und wen lassen wir anspielen und pressen erst dann?

ZEIT: Kann ein Spieler da noch spontan agieren?

Mertesacker: Ein Spieler, der nur auf eigene Rechnung spielt, hat heute keine Chance mehr. Aber ich glaube schon, dass es noch Freiheit gibt im Fußball. Im vorderen Drittel des Feldes sind Individualismus und Risikobereitschaft nach wie vor gefragt, vielleicht mehr denn je. Hinten ist es anders: Ein Ballverlust ist tödlich. Theoretisch kann auch ich als Verteidiger entscheiden: Ich trete jetzt den langen Marsch nach vorne an, ich teile das Meer – aber wenn ich dann den Ball verliere, kann es sein, dass der Trainer mich auswechselt und das für lange Zeit mein letztes Spiel war.

ZEIT: Das heißt, heute wird schneller ein Berufsverbot verhängt als früher?

Mertesacker: Die Ersetzbarkeit des Einzelnen ist auf Topniveau größer geworden. Eine absolute Abhängigkeit von großartigen Individualisten gibt es nur noch bei Ausnahmespielern. Davon gibt es aus meiner Sicht aber nur zwei oder drei auf der Welt.

ZEIT: Wann haben Sie es zuletzt erlebt, dass eine Mannschaft das Konzept ihres Trainers während des Spieles umgeschmissen hat?

Mertesacker: Noch nie.

ZEIT: Kein Superstar schimpft nach 60 Minuten: Falsche Taktik, mir reicht’s?

Mertesacker: Nicht unter Trainern, die ich kenne.

ZEIT: Haben Sie je einem Trainer gesagt, seine Aufstellung oder gar Philosophie sei falsch?

Mertesacker: Nein.

ZEIT: Auch nicht, wenn Spiele derart schieflaufen wie das 1 : 2 im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien? Löw hatte die Mannschaft vorher auf drei entscheidenden Positionen verändert, das Spiel gilt als "vercoacht".

Mertesacker: Und ich glaube, dass wir an dem Tag einfach nicht gut genug waren. Wir sind nicht wegen eines falschen Matchplans gescheitert. Italien hat uns in puncto Teamgeist und Entschlossenheit geschlagen.

ZEIT: Dürfen Spieler in Zeiten des Konzeptfußballs nicht mal mehr sagen, dass auch Trainer Fehler machen?

Mertesacker:(lacht) Löw hält seit zehn Jahren an mir fest, da kann ich keinen Fehler finden.

ZEIT: Ihm wird vorgeworfen: Anders als manche Trainer korrigiert Löw während eines Spieles selten seine Taktik – sondern fügt sich lieber systemtreu in die Niederlage.

Mertesacker: Finde ich nicht. Wenn Löw Götze für Reus einwechselt oder Reus für Götze, ändert sich das Spiel komplett. Dieser Vorwurf, die Nationalmannschaft spiele immer nach Plan A, ist Quatsch. Wir haben so viele verschiedene Spieler, die reichen für Plan A, B, C, D, E, F, G, H, I und J.

ZEIT: Wie erklären Sie sich dann, dass die Nationalelf in Deutschland nicht mehr als die taktische Avantgarde gilt, die sie einmal war?

Mertesacker: Damit, dass die Revolution, die sie ausgelöst hat, längst in die Liga hineinwirkt. Da gibt es jetzt viele Trainer mit ähnlichen Ideen und gleicher Akribie.

ZEIT: Bei der WM-Vorbereitung treffen 23 Nationalspieler aufeinander, die vor allem von den Konzepttrainern Guardiola, Klopp und Wenger geprägt wurden. Passt das zusammen?

Mertesacker: Ja. Spieler, die auf gleich hohem Niveau sind, finden schneller zusammen. Außerdem ist da gar nicht so viel zu kombinieren: Die meisten von uns reisen ja aus München, Dortmund und London an und kennen sich schon lange.

ZEIT: Sie werden diesen Herbst 30 Jahre alt ...

Mertesacker: ... schlimm, ja. Ich habe gelesen, dass Fußballprofis im Schnitt sieben Jahre durchhalten. Ich habe jetzt zehn geschafft, das macht mich stolz. Aber die Zeit kam mir viel kürzer vor.

ZEIT: Wird die WM in Brasilien Ihre letzte sein?

Mertesacker: Gefühlt? Ja. Ich habe dem Bundestrainer auch gesagt: Sobald er denkt, dass auf meiner Position mal neue Leute dran sind, bin ich der Letzte, der Probleme machen würde. Ich bin jetzt seit zehn Jahren Nationalspieler – und es ist nichts dabei herumgekommen. Immer nur Vize.

Noch einmal lacht Mertesacker, um die Ironie seiner Aussage zu unterstreichen. Auf dem Tisch brummt sein Handy, nicht zum ersten Mal im Laufe des Gesprächs. Seine Frau ist dran. Die Flasche Wasser ist leer, Mertesacker steht auf, entfaltet sich vielmehr – 1,98 Meter moderner Konzeptfußballer, der noch nicht so recht weiß, welche Urkräfte ihn bei der WM in Brasilien erwarten.