Im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) herrscht Aufbruchstimmung. Mit Reiner Hoffmann übernimmt ein neuer Mann die Spitze. Der DGB-Bundeskongress hat ihn mit einem Traumergebnis von 93 Prozent Jastimmen zum Nachfolger von Michael Sommer gewählt. So geschlossen, so einig und selbstbewusst wie jetzt traten die Gewerkschaften lange nicht mehr auf, trotz mancher Differenzen im Detail. In Umfragen ernten sie Zuspruch, einige gewinnen sogar zusätzliche Mitglieder, und in der Politik finden sie ebenfalls wieder Gehör. Die großkoalitionäre Bundesregierung liest ver.di, IG Metall und Co die Wünsche geradezu von den Lippen ab. Besser könnte es nicht laufen, oder?

Doch dieses Jahr, in dem die Gewerkschaften so erfolgreich erscheinen, markiert womöglich nur eine Zwischenetappe vor ihrem weiteren Niedergang. Die Situation ist viel bedrohlicher, als es sich die Gewerkschafter selbst eingestehen.

Den ersten Hinweis darauf, wie düster die Aussichten sind, liefert ausgerechnet die vordergründig gute Mitgliederentwicklung. Der dramatische Schwund sei so gut wie gestoppt, freuen sich viele Gewerkschafter. Aber sie blenden aus, dass diese Entwicklung vor dem Hintergrund eines geradezu phänomenalen Beschäftigungsbooms stattfindet. Allein in den vergangenen drei Jahren entstanden 1,6 Millionen neue sozialversicherungspflichtige Stellen. Im gleichen Zeitraum ging die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder noch um 50.000 zurück, auf etwas über 6 Millionen.

Wenn das die Bilanz der guten Jahre ist, wie wird sie dann wohl in den schlechten aussehen? Sobald die Konjunktur nachlässt? Wer im Aufschwung keine Mitglieder gewinnt und im Abschwung viele verliert, der schrumpft, nachhaltig.

Die Gewerkschaften sind außerdem gerade sehr erfolgreich dabei, Motive für eine Mitgliedschaft bei ihnen zu wegzuräumen. Schließlich besteht der Kerngedanke von Gewerkschaften darin, die Dinge zusammen mit anderen Beschäftigten selbst in die Hand zu nehmen, selbst für bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne zu streiten. Doch in diesem Jahr geben die Gewerkschaften so viel Verantwortung an den Staat ab wie nie zuvor. Der Mindestlohn wird vom Staat geregelt. Außerdem sollen Tarifverträge häufiger per staatlicher Verfügung für allgemeinverbindlich erklärt werden. Das bedeutet: Alle Beschäftigten einer Branche bekommen automatisch den Tariflohn, ungeachtet, ob sie in einem Betrieb mit oder ohne Tarifbindung arbeiten oder sich in irgendeiner Form dafür eingesetzt haben. Das sind zweischneidige Erfolge.

Und womöglich kommt in diesem Jahr auch noch ein Gesetz zur Tarifeinheit, das den Wettbewerb der Gewerkschaften untereinander ebenfalls staatlich reglementiert, um nicht zu sagen: ausschaltet. Es soll festlegen, wer das Sagen hat, wenn zwei Gewerkschaften um die gleichen Arbeitnehmer konkurrieren. Das hatte sich der DGB so gewünscht, auch wenn er inzwischen selbst nicht mehr davon begeistert ist. Wenn die Arbeitnehmerlobby aber ständig nach dem Staat ruft und der immer häufiger zum eigentlichen Garanten der "guten Arbeit" wird, die der DGB so gerne fordert – wozu soll man da noch einen Gewerkschaftsbeitrag zahlen?

Leider lässt auch ihre politische Programmatik die Gewerkschaften wenig attraktiv erscheinen, zumindest für die breite Mitte der Gesellschaft. Während die Steuererhöhungen skeptisch bis ablehnend gegenübersteht, findet ein großer Teil des Gewerkschaftslagers sie per se prima. Selbst wenn eine Steuererhöhung nur zurückgenommen werden soll, wie jetzt im Fall der kalten Progression, verlangen die Gewerkschaften als Ausgleich höhere Abgaben an anderer Stelle. Ein anderes Beispiel: Die Schuldenbremse soll helfen, die Staatsverschuldung dauerhaft zu stoppen, das leuchtet vielen Bürgern ein. Aber auf dem DGB-Kongress erntet Beifall, wer über diesen "Knebel" schimpft. Und ginge es nach dem DGB, sollte Deutschland mit viel Geld die Konjunktur in Griechenland, Spanien oder Italien "ankurbeln", statt die Krisenländer mit Spardiktaten und Reformen à la Agenda 2010 zu quälen. Solche Standpunkte kann man vertreten, aber die Herzen vieler Arbeitnehmer gewinnt man damit nicht.

Ohnehin liegt die wichtigste Aufgabe der Gewerkschaften nicht darin, eine Art Ersatzpartei zu sein. Dafür brauchte man sie nicht. Ihre Kernaufgabe besteht darin, in den Betrieben die Interessen der Arbeitnehmer zu vertreten. Dort wäre es wünschenswert, sie würden nicht noch mehr an Boden verlieren. Es ist ja eine Illusion, zu glauben, jeder könnte genauso gut mit seinem Arbeitgeber alles individuell aushandeln – Gehalt, Urlaubsanspruch, Weihnachtsgeld, Überstundenzuschläge oder Arbeitszeitregeln. Kollektive Vereinbarungen sind ökonomisch sinnvoll, für beide Seiten. In der vergangenen Krise halfen die mit Betriebsräten und Gewerkschaften vereinbarten Arbeitszeitkonten sogar, den Einbruch abzufedern. Und starke, in den Betrieben gut verankerte Gewerkschaften zeigen sich in ihren Lohnforderungen meist verantwortungsvoller als radikale Kleingruppen.

Umso schlimmer ist es, wie weit der Mitgliederrückgang vorangeschritten ist. Der DGB repräsentiert nur noch eine kleine Minderheit der beruflich Aktiven. Nach Berechnungen des Mannheimer Soziologen Bernhard Ebbinghaus waren zuletzt bloß 13 Prozent der Beschäftigten in einer DGB-Gewerkschaft. Rechnet man den Beamtenbund und die Christlichen Gewerkschaften dazu, kommt man auf 16 Prozent.

Die Gewerkschaften machen daher einen Fehler, wenn sie meinen, sie seien "in guter Verfassung", wie es der neue DGB-Chef Hoffmann in seiner Antrittsrede sagte. Ihre Lage ist ernst, und sie müssten noch viel intensiver in den Betrieben um Mitglieder werben. Die Defizite sind seit Jahren bekannt. Sie erreichen zu wenig Frauen, zu wenig Akademiker und zu wenig Beschäftigte in Wachstumsbranchen. Doch was gehört auf einem Gewerkschaftskongress noch immer zum guten Ton? Dass Kandidaten für Führungsämter ihre Verwurzelung in der Arbeiterschicht dick herausstreichen – wie Hoffmann in seiner Bewerbungsrede. Und dass sie ihre Ansprache mit einem kernigen "Glückauf!" abschließen. Klar, bloß nicht die goldene Vergangenheit aus den Augen verlieren!