Am 9. März, dem Tag der Präsidentschaftswahlen in El Salvador, betrat der Künstler Victor Rodriguez ein Wahllokal in der Hauptstadt San Salvador, füllte seinen Stimmzettel aus, aß ihn zur Hälfte auf und stopfte die andere Hälfte in die Urne. Dies, erklärte er vor laufender Kamera, sei sein Kommentar zu den Kandidaten (ein ehemaliger Guerillaführer und ein Rechtsextremer), zu Armut und Machtmissbrauch in seinem Land.

Was Rodriguez nicht wusste: Sein Protest ist von grenzüberschreitender Symbolik. Denn 2014 ist ein globales Superwahljahr. Die größten Demokratien der Welt, Indien und Indonesien, haben ihre Wahlmarathons entweder gerade abgeschlossen oder stecken noch mittendrin. Gleiches gilt für die jüngsten Empfänger internationaler Demokratie-Exporte, Irak und Afghanistan. Die Europäer bestimmen am übernächsten Wochenende über ihr EU-Parlament, Ägypter und Ukrainer zur gleichen Zeit über neue Präsidenten. Im Oktober folgt Brasilien, im November stimmen die USA über einen neuen Kongress ab.

Die Umstände dieser Wahlen könnten unterschiedlicher kaum sein. Manche finden im Kriegszustand statt, andere sind durch Manipulation belastet, wieder andere erregen kaum die Aufmerksamkeit der Bürger. Aber gut zwei Jahrzehnte nach so vielen euphorischen Demokratie-Premieren von Osteuropa bis Afrika haben sie eines gemein: ein Klima des Zweifels, ob Demokratie außer dem Wahlrecht auch ein Leben in Stabilität und sozialer Würde garantiert.

Das ist keine Einstimmung zu einem Abgesang. Das ist zunächst nur eine gute Voraussetzung für ein paar nüchterne Einsichten.

Westliche Staaten oligarchisieren sich

Etwa, dass die (Wahl-)Freiheit des Bürgers und die Freiheit des Marktes einander keineswegs bedingen. Indiens Massendemokratie befindet sich seit Längerem auf Kollisionskurs mit seinem neoliberalen Kapitalismus, die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander.

Südafrikas ANC mag bei den jüngsten Wahlen ein letztes Mal vom Nimbus der Freiheitsbewegung profitiert haben. Die Folgen einer gescheiterten sozialstaatlichen Politik werden ihn schon bald einholen. Entweder in Gestalt einer progressiven politischen Alternative oder in Form von wachsenden sozialen Unruhen. Oder von beidem.

Ägyptens "Hoffnungsträger" Abdel Fattah al-Sissi wird Ende Mai wohl einen überwältigenden (wenn auch wenig demokratischen) Wahlsieg verbuchen. Doch wenn er danach nicht die Pfründen der Oberschicht angreift und ein Minimum an Gerechtigkeit wagt, steht in einem Jahr die nächste Protestbewegung auf dem Tahrir-Platz.

Auch wenn viele Griechen und Portugiesen diese Formulierung wütend zurückweisen würden – Europa ist im Vergleich dazu eine Insel der Seligen. Nur weiß es spätestens seit der Finanzkrise, was es heißt, eine gemeinsame Währung, aber keine gemeinsamen Sozialstandards zu haben. Die EU steht Ende Mai nicht nur vor Parlamentswahlen, sondern, wie es der Historiker Timothy Snyder formuliert hat, vor einer Frage: Können die Institutionen einer kontinentalen Demokratie mit zwei enormen Gefahren gleichzeitig fertig werden – dem globalen Finanzkrisenwesen und dem nationalen Populismus?

Da ist sie also, die Frage nach der Vereinbarkeit von globalisiertem Kapitalismus und einer Globalisierung der Demokratie. Und zwar einer Demokratie, die außer dem Wahlrecht auch ein Leben in Würde garantiert: außer den politischen Rechten ein Recht auf Gesundheit, ein Recht auf angemessen entlohnte Arbeit, auf Bildung, auf Trinkwasser. Kurzum: auf Gemeinwohl. Der Begriff klingt altmodisch. Tatsächlich ist er brandaktuell.