Der Vorsitzende von Sterbehilfe Deutschland e. V. Roger Kusch (l.) und der Psychiater Johann Friedrich Splitter am 13. Mai auf einer Pressekonferenz in Hamburg © dpa

Die Debatte um Sterbehilfe hat seit Montag frische Nahrung. Gegen den ehemaligen Hamburger Justizsenator Roger Kusch und seinen Geschäftspartner, den Nervenarzt Johann Friedrich Spittler, hat die Hamburger Staatsanwaltschaft Anklage erhoben wegen gemeinschaftlichen Totschlags in mittelbarer Täterschaft. Das bedeutet so viel wie: Sie töteten nicht selber, sondern bedienten sich einer anderen Person als Täter.

Jene, die den mittelbaren Tätern als ausführende Organe der Tat dienten, sind laut Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft die beiden Opfer selbst. Die Rentnerinnen Frau M., zum Zeitpunkt ihres Todes 81 Jahre alt, und die 85 Jahre alt gewordene Frau W. Die beiden Damen hätten Kusch und Spittler als ein Präzedenzfall bei der Sterbehilfe gedient. Die Männer hätten an ihnen eine "justiziable Entscheidung über einen Fall der Hilfe zur begleiteten Selbsttötung schaffen wollen". Diesen Plan hatten sie laut Staatsanwaltschaft schon Monate vorher gefasst, bevor sich Frau M. und Frau W. im Juni 2012 als Mitglieder in Kuschs Sterbehilfeverein eingeschrieben hatten. Sie seien den beiden Männern sogleich als geeignete Objekte erschienen. Im November 2012 töteten sich dann Frau M. und Frau W. in Anwesenheit von Johann Spittler. Nach Ansicht der Strafverfolger waren die beiden Damen eine Art Versuchskaninchen für die Ideologie des Ex-Justizsenators Kusch.

Kusch ist Vorsitzender des Vereins Sterbehilfe Deutschland e. V., der seinen Sitz in Oststeinbek und eine Dependance in der Schweiz hat. Dieser Verein verhilft Menschen mit Selbstmordabsichten dazu, diese in die Tat umzusetzen. Auf seiner Webseite wirbt Kuschs Verein mit klebrigen Weisheiten wie: "Ihr Leben verdient einen Ausklang in Würde."

Oder: "Wer sein Leben in eigener Regie führt, möchte bis zum Schluss Regisseur bleiben."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Das Symbol des Vereins ist eine schwarze Schleife, der roten Aids-Schleife nachempfunden. Sie soll ein "Sinnbild der Geborgenheit am Lebensende" sein.

Gegründet wurde Roger Kuschs Verein 2009, nachdem die Polizei Kusch und seinem Vorgängerverein die Suizidunterstützung verboten und das Hamburger Verwaltungsgericht eine Kommerzialisierung des Sterbens festgestellt hatte. 8000 Euro verlangte Kusch damals dem Urteil zufolge für sein "Dienstleistungspaket". Die Dienstleistung war der Tod in Eigenregie.

Mit seinem neuen Verein zog Roger Kusch dann sicherheitshalber nach Oststeinbek, hinter die Hamburger Stadtgrenze. Zurzeit sollen 456 Menschen Mitglied bei der Sterbehilfe Deutschland sein, Kusch und Spittler sollen bereits mehr als 118 Frauen und Männer beim Suizid unterstützt haben, darunter auch Menschen mit einer psychischen Störung. Palliativmediziner betonen immer wieder, dass Patienten in einer krankhaften seelischen Verfassung unmöglich eine frei verantwortliche Entscheidung über Leben und Tod treffen können. Äußert ein depressiver Mensch Suizidabsichten, so begründe dies gerade eine ärztliche Pflicht zur Lebensrettung.

Kusch und der Mediziner Johann Friedrich Spittler sollen den meisten der gestorbenen Vereinsmitglieder eine Überdosis des Malariamedikaments Chloroquin verschafft haben, das in zu hoher Menge Herzrhythmusstörungen auslöst und schließlich zu einem Herzstillstand führt.