Ein Schicksalsschlag hat Marisa Nöldeke zur Heimwerkerin gemacht. Bis November 2008 war ihr Leben einem ambitionierten Plan gefolgt: Nach ihrem Studium der Wirtschaftswissenschaft in Berlin, Zürich und den USA war sie als Professorin an eine private Hochschule in Hamburg berufen worden, hatte geheiratet und mit 29 Jahren ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Doch dann wurde bei ihrer Tochter Helene Leukämie diagnostiziert. Das Kind starb, trotz einer Knochenmarktransplantation. "Danach konnte ich nicht mehr in mein altes Leben zurück", sagt Nöldeke. Sie kündigte, zog mit ihrem Mann nach Berlin – und begann zu basteln.

"Weil ich im Krankenhaus immer so lange warten musste, habe ich angefangen, mir im Internet Handarbeitsblogs anzusehen", sagt sie. Eine Zeit lang widmete sie sich dem, was heute "Scrapbooking" genannt wird. Sie gestaltete Fotoalben und Erinnerungsbücher – vor allem mit Bildern ihrer verstorbenen Tochter. "Die Arbeit mit den Fotos hat mir wohl geholfen, den Verlust meiner Tochter aufzuarbeiten", sagt sie. Später entdeckte sie eine Methode, Fotos auf Stoff zu drucken, aus dem sie Schlüsselanhänger, Handyhüllen und Tragetaschen machte. Bald fand Nöldeke Käufer im Bekanntenkreis. Sie stieß auf die Internetplattform Dawanda, über die man Selbstgemachtes verkaufen kann. Und auf einmal verdiente sie mit ihren Handarbeiten in der Weihnachtssaison so viel Geld wie früher als Professorin. Was als Therapie begonnen hatte, war zu einer Einkommensquelle geworden.

Nöldeke gehört zu einer Armee von Selbermachern, die in den vergangenen Jahren die Freuden der Handarbeit wiederentdeckt haben. Vielen geht es dabei um Selbstfindung, um innere Befriedigung – "die Freude daran, etwas gut zu machen", wie es der amerikanische Soziologe Richard Sennett in seinem Buch Handwerk nennt. Und wenn dabei noch etwas herausspringt – umso besser.

Gerade nach Berlin, wo Ladengeschäfte und Gewerbeflächen noch immer zu vergleichsweise niedrigen Mieten zu finden sind, kommen junge Leute, um sich mit Selbstgemachtem eine Existenz aufzubauen. So wie Hugo Berneth. Bis 2012 arbeitete der 39-Jährige in einer Hamburger Werbeagentur. Kein schlechter Job, aber auch keiner, der ihn glücklich machte. Zufrieden macht es ihn hingegen, Nachttischlampen aus Spanplatten zu bauen oder Äste in Deckenleuchten zu verwandeln. Der Ausstieg aus dem Agenturtrott war für ihn "ein egoistischer Akt", wie er sagt. Er kündigte, zog mit seiner Frau nach Berlin, fand am Reuterplatz in Neukölln ein leer stehendes Ladenlokal und eröffnete eine Boutique namens Misuki.

Dort umgibt ihn ein Reich voll handgetöpferter Tassen und selbst gefädeltem Schmuck, Brotboxen aus recycelbarem Bambus und hölzernen Kreiseln. "In Hamburg hätte ich das nie machen können. Die Gewerbemieten sind einfach zu hoch", sagt Berneth. In seinem Laden verkauft er seine Lampen sowie Topflappen und Stoffpuppen, die seine Frau näht. Außerdem können Heimwerker aus der Nachbarschaft für wenig Geld ein Regalbrett bei ihm mieten, um darauf ihre Waren anzubieten. Jedes Detail ist liebevoll gestaltet. Auf der Ladentheke steht ein Teller mit "Entscheidungshilfe-Keksen". Auch der Teller ist natürlich selbst getöpfert.

Das Geld, das Berneth verdient, reicht gerade für die Ladenmiete und eine Wohnung in der Nachbarschaft. Doch in seiner Boutique kann er seinen Drang, selbst etwas zu schaffen, ausleben. "Manchmal ist das auch anstrengend, und ich bleibe lange auf, um etwas so zu machen, dass ich damit zufrieden bin." Aber auf jeden Fall sei er "immer von schönen Dingen umgeben" – und nicht von in der Dritten Welt unter ausbeuterischen Bedingungen produzierten und schnell konsumierten Waren.

Gestrickt, geschneidert, gebastelt und gewerkelt wird in Deutschland von jeher – in keinem anderen Land Europas geben die Menschen mehr Geld in Heimwerker-Märkten und Läden für Bastelbedarf aus. Rund 2000 Baumärkte erwirtschafteten 2011 laut dem Verband der Handelsbetriebe für Heimwerken, Bauen und Garten 18,7 Milliarden Euro. Doch in den vergangenen Jahren hat sich etwas Neues entwickelt, eine Art Heimwerken 2.0. Hier geht es nicht um traditionelle Handwerkstechniken, im Gegenteil dürfte vieles von dem, was die neue Do-it-yourself-Szene macht, bei ausgebildeten Handwerkern Stirnrunzeln auslösen. Den Selbermachern geht es darum, mit einfachen Kniffen und pfiffigen Ideen etwas Eigenes zu kreieren.