Man muss sich Gott als alten Mann vorstellen. Das Ewige an ihm, das über den Gang der Zeit Erhabene, liegt nicht in seinem Körper. Es steckt in den unzähligen Bildern, die sich die Menschen von ihm gemacht haben, in dem, was sich in ihnen anknipst, sobald sein Name fällt.

Gott, das ist eine überall wirksame Formel, die epidemisch gute Laune hervorruft, etwas, das sofort und in jedem zum Klingen gebracht wird.

Meist ist es ein hartnäckiger Ohrwurm.

"Verrückt", findet Karel Gott, der Sänger, ein älterer Herr, dunkler Flieder das Jackett, tief rosarot das Einstecktuch. Verrückt sei es doch, dass jeder sofort einen ganz bestimmten seiner Hits im Kopf habe, schließlich habe er insgesamt mehr als 900 Lieder in Deutschland veröffentlicht.

Die Biene Maja, den Titelsong zur Zeichentrickserie, kennen alle. Die Älteren schmettern auch wie auf Knopfdruck eine muntere Verbkette – singen, kochen, tanzen, lachen – den Refrain zum Hit Babička von 1982. Weißt du wohin, wird beim Titelsong von Dr. Schiwago geschmachtet, und bei Einmal um die ganze Welt, die Taschen voller Geld dahingeschmolzen, die Jüngeren summen eine Melodie von 2008: das Duett, mit Krawallrapper Bushido aufgenommen, Für immer jung, ein Chart-Erfolg.


Zu Gott hat jeder seinen eigenen Zugang. Einen persönlichen, der als Masse einen großen Wärmestrom zwischen dem Sänger und seinem Publikum bildet. Seit den sechziger Jahren fließt er schon, sprengt Länder- und Generationsgrenzen. Karel Gott, "die goldene Stimme aus Prag", der "Sinatra des Ostens", steht seit mehr als vier Jahrzehnten auf der Bühne und veröffentlicht Alben. Nun, im Jahr seines 75. Geburtstags, legt er Memoiren vor (Zwischen zwei Welten.Mein Leben; Riva Verlag, 2014).

Der Sänger empfängt im Hamburger Elysee-Hotel zum Gespräch, zusammen mit dem Koautor Filip Albrecht, einem korpulenten, alterslosen Mann mit lauter Stimme, der Karel Gott begeistert an den Lippen hängt. Für den Tschechen Gott, der fließend Deutsch spricht, muss nur ab und zu ein Wort übersetzt werden, zwischendurch lobt ihn sein Begleiter – "Schön gesagt" – oder wiederholt, was "der Karel" gerade habe sagen wollen.

Gott selbst ist entspannt, Gott ist höflich, Gott hält Türen auf. Sanft einlullend ist sein Akzent, der jedes e in ein ä verwandelt, das k kehlig, das ch markant klingen lässt, so, wie er aus Maja 1976, kaum zu imitieren, die "kleinä, frächä Bienä" machte.

Karel Gott sah immer gut aus, und er sieht auch heute noch gut aus: Die blauen Augen stehen weit auseinander, sobald nach seiner Musik gefragt wird, strahlt er glücklich wie ein Kind, er hat kaum graue Haare und Falten, wie sonst nur Robert Redford. Es ist das Altern eines Stars, der kein Rentner sein darf. Eine Abschiedstour in Tschechien, wo, statistisch gesehen, 100 Prozent der Menschen eine Platte von ihm besitzen, führte zu Protesten, also macht Gott weiter. "Es gibt nur ein einziges Attest, das zur Absage eines Konzerts berechtigt: die Sterbeurkunde".

Karel Gott spricht im Tonfall seiner Biografie, die zwischen ungläubigem Zurückblicken auf die Karriere und nie endenden Aufgaben eines hart Arbeitenden oszilliert. Von aberwitzigen Erfolgen rund um die Welt erzählt sie, von mehr als 30 Millionen verkauften Tonträgern, Hits in 15 Sprachen, Auftritten in der Carnegie Hall, vor den Toren der Verbotenen Stadt in China, auf Dubais Hochhäusern, von Begegnungen mit Louis Armstrong, John Lennon, Gorbatschow, Tom Jones, Udo Jürgens, DJ Ötzi. Dankbarkeit steckt in den 250 Seiten und der Glaube daran, ein "Bote des Guten" zu sein. Doch wie geht das in einer hochpolitisierten Zeit wie dem Kalten Krieg, in der Gott seine Karriere begann?