Der Cappuccino ist eine Versuchung. Emma kauert auf dem roten Nierentisch und starrt auf den Milchschaum. Ihre Schnurrbarthaare beben, die Oberlippe zuckt, sie schiebt ihre Schnauze über den Tassenrand – und hält sich dann doch im letzten Moment zurück. Dabei hätte sich an Katzenzunge im Kaffee gerade hier wohl niemand gestört. Emma lebt im Schnurrke, Kölns erstem Katzencafé. Ein Lokal also, das von Tieren bewohnt wird, die ihr streichelweiches Fell den Gästen darbieten. Das eigenwillige Konzept stammt aus Asien und ist vor allem in Japan beliebt, wo viele Menschen zu beengt wohnen, um sich Haustiere halten zu können. Doch seit rund einem Jahr breitet sich der Trend auch in Europa aus.

Die Omasessel mit Rosenmuster in der winzigen Schnurrke-Gaststube sind fast allesamt besetzt – überwiegend von Frauen, von denen wiederum die meisten alleine hier sind. Ein Aushang ermahnt Gäste, keine eigenen Tiere mitzubringen. Vor dem Fenster liegen Zeitschriften aus, Cats today und die Stadtkatze , auf den Tischen Charakterprofile der vier Bewohner: Emma begrüßt jeden Gast persönlich, Tiga jagt gern Papierknäuel, Betty ist anfangs schüchtern, Gino eher der ruhige Typ. Was der Kater heute aber zu verbergen weiß. Er flitzt über den Teppich, während er mit Wonne eine Stoffmaus verdrischt.

"Das ist besser als Fernsehen", jauchzt Elena, eine Frau in lila Pluderhosen, und lässt sich auf das Antiksofa fallen. Sie bestellt Rhabarberkuchen, dann krault sie synchron: mit der einen Hand die graue Betty, die ihr auf den Schoß gesprungen ist, mit der anderen die braun-weiße Emma, die neben ihr auf dem Polster liegt und schnurrt. Es riecht nur nach Kaffee und Minztee. Draußen zeigt sich der Frühling launisch, Nieselregen sprenkelt die Fensterscheiben, und mit einem Mal begreift man, warum Katzen Hunden als Café-Tiere überlegen sind: Wer nicht Gassi geht, müffelt später auch nicht nach feuchtem Fell.

Paris, München, Wien – in etlichen Städten haben mittlerweile Katzencafés eröffnet. Bei Pee Pee in Berlin-Neukölln heißt der Kakao "heiße Mieze", Kätzchen zieren Polster, Kronleuchter und Klopapier. Lebende Katzen gibt es dort allerdings nur zwei, was das Pee Pee etwa vom Lady Dinah’s Cat Emporium in London unterscheidet, wo sich elf Katzen auf den Polstern räkeln. Zwei Stunden Kraulen kosten umgerechnet sechs Euro, Speisen exklusive, trotzdem ist der Laden auf Wochen ausgebucht. Im Internet bekennen Katzenfans, diese Cafés in ihr Reiseprogramm einzubinden – als Ersatz für das daheim gebliebene Haustier.

"Für mich ist das eine ideale Kombi", sagt Sabrina Szabo, die 34-jährige Inhaberin des Kölner Schnurrke. "Man geht ja ins Café, um sich zu entspannen. Und eine Katze auf dem Schoß ist das Entspannendste, was es gibt. Es ist sogar wissenschaftlich erwiesen, dass das Schnurren Menschen guttut!" Elena, noch immer kraulend, stimmt ihr zu. Sie ist Lehrerin. "Ein stressiger Job – von dem komme ich hier während der Mittagspause runter."

Schaufensterkatze, Kundin: Zwei Stunden Kraulen kosten in London umgerechnet sechs Euro. © REUTERS/Stefan Wermuth

Emma, Betty, Tiga und Gino streunten einst auf spanischen Straßen. Der Verein, der sie an Sabrina Szabo vermittelte, hat die Tiere gezielt für diesen Job gecastet: Nervenstark sollten sie sein, menschenbezogen und ganz versessen auf Streicheleinheiten. Tatsächlich rücken die vier Café-Katzen den Gästen anschmiegsam auf die Pelle. Während Betty längst auf Elenas Schoß eingeschlafen ist, streicht ihr Tiga um die Waden, und Emma macht es sich hinter ihrem Nacken auf der Lehne gemütlich.

Weil ein Katzencafé allerlei Auflagen erfüllen muss, hat Sabrina die Gaststube gemeinsam mit dem Veterinäramt eingerichtet. Neben der Stofflampe mit dem Troddeln steht ein Kratzbaum. Oben an den Wänden verlaufen Catwalks, Holzstiege, über die Emma, Betty, Tiga und Gino spazieren können. Ein Loch in der Wand führt in einen Raum, den nur die Katzen betreten dürfen – zum Tierschutz. Die Katzen sollen selbst entscheiden, wann sie von Mensch und Cafélärm die Schnauze voll haben.

Die Speisen müssen in einem abgetrennten Raum zubereitet werden. Säfte serviert Sabrina in einem Glas mit Deckel und Strohhalm. Steht das Essen dann auf dem Tisch, sind die Gäste selbst verantwortlich. Anfangs, erzählt Elena, musste sie ihre Rüblitorte manchmal mit einer Wasserspritze verteidigen. Mittlerweile wissen sich die Tiere zu benehmen, auch wenn sie keinen Zweifel daran lassen, wer die Herrinnen im Haus sind. Steht man kurz auf, muss man sich später oft einen neuen Platz suchen, weil auf dem eigenen, vorgewärmten, nun eine Katze liegt.

Manchmal, wenn die Katzen in ihrem Zimmer oder im Freigehege im Hof spielen, sieht das Schnurrke aus wie ein ganz normales Café. "Dann sind die Gäste enttäuscht", erzählt Sabrina. Neulich habe eine Frau sogar rumgeschrien, sie habe ein Recht darauf, hier Katzen zu sehen. Um noch mehr Ärger zu vermeiden, nimmt Sabrina Szabo (anders als das Katzencafé in London) keinen Eintritt und verkauft Snacks und Kuchen ohne Katzenaufschlag. "Eine Streichelgarantie gibt es nun mal leider nicht."

Die meisten Besucher tragen es mit Fassung – die Dame im Sessel etwa, deren Katze seit der Scheidung bei ihrem Ex lebt. Oder das grauhaarige Paar, das an Teetassen nippt. Früher hatten sie selbst Katzen, heute haben sie einen Schwiegersohn mit Katzenallergie. Und dann gibt es noch die Gäste, die bei sich zu Hause eigentlich nur die Hand auszustrecken brauchten, um sie in flauschigem Fell zu versenken. Wer den Gesprächen lauscht, versteht, warum sie trotzdem den oft weiten Anfahrtsweg in Kauf nehmen. Hundehalter haben Parks und Tobewiesen, Orte, an denen man zwanglos mit anderen Hundehaltern ins Gespräch kommt. Im Schnurrke plaudern die Katzenfans von Tisch zu Tisch und zeigen einander Fotos: Blacky als Baby, Lilly auf dem Kratzbaum. Man fachsimpelt über Quietschmäuse und das beste Dosenfutter.

Elena schmerzen inzwischen die Finger vom vielen Kraulen. Sie klopft Betty auf die Flanke und schiebt sie sanft vom Schoß. "Fehlt nur noch das Abschiedsritual", sagt Elena. Dann greift sie zur Fusselbürste, die neben der Tür ausliegt.

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