Unter Philosophen, Künstlern und Architekten macht der Begriff des Neuen Realismus die Runde. Eine Serie im ZEIT-Feuilleton fragt nach den Folgen dieser Debatte. Bislang veröffentlichten wir Beiträge von Thomas E. Schmidt, Ullrich Schwarz und Bernd Stegemann

Eines Tages, irgendwann in den achtziger Jahren, erkrankte der berühmte Philosoph und Kulturkritiker Ivan Illich an Krebs und entschied sich gegen eine Operation. Und so wuchs ihm, dem von der Medizin Totgesagten, über Jahre ein Tumor im Gesicht, der schließlich die Größe einer Männerfaust annahm. Und als ihn einmal, in irgendeinem Flugzeug, ein Chirurg vom Nebensitz aus an die von der Wucherung befallene Backe fasste und ihn zu einer Operation nötigen wollte, da wurde Illich weiß vor Wut über diese totalitäre Geste, die dem Individuum sein Recht nimmt auf ein selbstbestimmtes, auf eigenen Wunsch ertragenes Leid. Viel lieber dagegen war ihm die Idee eines vierjährigen Jungen, der ihm wenig später mitteilte, dass ihm seine Backe ganz wunderbar gefiele. Sie sei so groß, so schön. Eine richtige, dicke Kussbacke.

Man muss die Weltsicht des kleinen Jungen nicht glorifizieren, um zu verstehen, dass Sozialisation auch das Verschwinden von Kussbacken bedeuten kann, bis irgendwann die eine, völlig selbstverständlich erscheinende Deutung zum einzig möglichen Faktum wird: Tumor und Tod. Hinter der Wahrheitsfrage lauert die Machtfrage. Und hinter der Machtfrage lauert der Wunsch, die eigene Weltsicht durchzusetzen.

In den achtziger und neunziger Jahren hatten die Relativisten und Konstruktivisten ihre große Zeit, und es schien, als hätten sie auf dem Terrain der Erkenntnistheorie die Machtfrage für sich entschieden. Es erschienen manifestartige Texte, und große Tagungen verkündeten den Abschied vom Absoluten. Für einen langen Augenblick war alles möglich – elegante Elastizität, ideologiefreie, optimistische Intelligenz und eine Philosophie des radikalen Pluralismus, deren Thesen sogar von der Neurobiologie bestätigt wurden. Doch irgendwann wurde die Stimmung in den Seminaren der Geistes- und Kulturwissenschaftler düsterer. Und mancher Dozent musste sich selbstkritisch fragen, ob auch der Relativismus zur Sektenbildung neige. Kurzum, mit einem Mal wurde der Antidogmatismus selbst dogmatisch. Menschen, die noch von "Wahrheit" sprachen, wurden als Fanatiker lächerlich gemacht. Und während im Irakkrieg Menschen starben, behauptete der französische Philosoph Jean Baudrillard 1991, der Golfkrieg finde gar nicht statt. Mit heiligem Eifer beugten sich Studenten und Professoren über Jacques Derridas Texte, und selbst der subversive Anarchismus eines Paul Feyerabend ("Anything goes") wurde, zum Kummer seines Erfinders, in manchen Zirkeln als Heilslehre aufgefasst, die etwas latent Tyrannisches annahm.

Im Moment aber haben die Neuen Realisten um Markus Gabriel und Maurizio Ferraris sowie die spekulativen Realisten um Quentin Meillassoux das Wort. Sie wollen der postmodernen Epoche frei flottierender Interpretationen und der rauschhaften Feier der Differenz ein Ende bereiten – sie wollen hin zu einem "starken Denken", zurück zu den eben noch verfemten Begriffen wie Ontologie, Wahrheit und dem Absoluten. In ihren Essays zeigt sich ein vorphilosophisches Erschrecken und ein Inszenierungsekel. Er lässt deutlich werden, dass die Renaissance des Realismus auch von der Rückkehr der "echten" Krisen und Kriege befördert wird, nicht zuletzt vom Crash der Finanzmärkte als Symbol brandgefährlicher, selbstrefenzieller Weltferne. "Der Neue Realismus", so Markus Gabriel, "beschreibt eine philosophische Haltung, die das Zeitalter nach der sogenannten ›Postmoderne‹ kennzeichnen soll (das ich, streng autobiographisch gesprochen, im Sommer 2011 – genau genommen am 23. 6. 2011, gegen 13:30 Uhr – bei einem Mittagessen in Neapel zusammen mit dem italienischen Philosophen Maurizio Ferraris eingeläutet habe)."

Postmoderne Philosophen? Angeblich nur verbissene Beliebigkeitsdenker

Nun veranstalten also, nach der Verkündigung des Epochenbruchs, die Neuen Realisten die großen Tagungen, und die angesagten Verlage drucken ihre manifestartigen Texte. Mit einem Mal gelten die Protagonisten der Postmoderne als verbissene Irrationalisten, die Konstruktivisten erscheinen als Beliebigkeitsfanatiker und die Hirnforscher als Imperialisten der Bewusstseinsforschung, die alle auf ihre neurobiologischen Weltformeln einschwören wollen. Man sagt beziehungsweise behauptet, dass man Tatsachen an sich erkennen könne, und legt durch die an Immanuel Kant angelehnte Begrifflichkeit nahe, dass leider auch dieser Philosoph schlicht falsch läge (Markus Gabriel). Damit nicht genug. Die Neuen Realisten sprechen von den "segensreichen Wirkungen" der einen Wahrheit (Paul Boghossian) oder attackieren Silvio Berlusconi und die Kriegstreiber und Falschspieler um George W. Bush, kurios genug, als typisch postmoderne Illusionskünstler (Maurizio Ferraris). Man muss kein großer Prophet sein, um zu erkennen, dass auch in diesen Kreisen die Stimmung bald ins düster Missionarische kippen kann und erneut das Ende der Leichtigkeit droht, die zu Beginn noch jedem Aufbruch eigen ist.