Die Übergangskirche entwarf der japanische Architekt Shigeru Ban. Er wurde jüngst mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet ©  Getty Images

Hell steigt der Gesang von dreihundert Stimmen bis unter den spitzen Giebel des nüchternen Raumes. Durch die Dachstreben dringt perlweißes neuseeländisches Tageslicht herein und lässt die violetten Messegewänder der anglikanischen Geistlichen strahlen. Nur Dekanin Lynda Patterson trägt Schwarz. Viele Menschen hier glauben, dass die Sitzreihen vor allem ihretwegen von Woche zu Woche voller sind. Die Bauerntochter aus Nordirland lehrte in Oxford zwölf Jahre lang Theologie, bevor sie vor zehn Jahren nach Christchurch kam. Klein und kugelrund, predigt Lynda so, wie sie auch spricht: atemlos, warmherzig und immer ein wenig seufzend. Während der Chor singt, zittert auf einmal der Boden. "Vielleicht war das ein Erdbeben", sagt Lynda. "Aber es könnte auch unsere Orgel sein." Die Kirchgänger lachen erschrocken.

Jahrzehntelang galt Christchurch mit seinen vielen historischen Steinhäuschen und gepflegten Grünflächen als die schönste und britischste Stadt Neuseelands. Die neogotische Kathedrale war das Lieblingswahrzeichen der Bevölkerung. Dann, im September 2010, erschütterte ein Erdbeben die Ostküste. Fünf Monate später folgte ein Nachbeben, das die bereits angeschlagene Innenstadt von Christchurch in nur 37 Sekunden in ein Trümmerfeld verwandelte. 185 Menschen starben. Die Kathedrale wurde schwer beschädigt.

Im vergangenen August weihte die anglikanische Diözese das erste öffentliche Bauwerk ein, das nach der Katastrophe errichtet wurde: Die neue Kathedrale ist 24 Meter hoch, bietet 700 Menschen Platz – und besteht im Wesentlichen aus 100 baumdicken, lackierten Kartonröhren, die ein wenig wie übergroße Bambusstangen aussehen.

Möglich wurde der Bau durch das Engagement von Freiwilligen, die einer professionellen Baufirma zuarbeiteten. "So richtig wussten wir eigentlich nicht, was wir taten", sagt Julie Florkowski, eine der rund hundert Helfer. Transitional Cathedral nennt das Gebäude, wer der Kirche nahesteht: Übergangskathedrale. Für die anderen ist sie die Cardboard Cathedral, Kartonkathedrale, nach einem Entwurf des japanischen Architekten Shigeru Ban. Für seine "Papierarchitektur", die vor allem in Katastrophengebieten zum Einsatz kommt, wurde er jüngst mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet, einer Art Oscar für Architektur. "Damals kannte ihn hier niemand", sagt Julie.

Die eingestürzte Kathedrale © Marty Melville/AFP/Getty Images

In ihrem Wohnzimmer bewahrt die pensionierte Krankenschwester noch ein übrig gebliebenes Stück Pappröhre auf: brauner, recycelter Karton, 61 Zentimeter Durchmesser. Weil keiner der neuseeländischen Hersteller Papprohre in der ursprünglich vorgesehenen Stärke liefern konnte, beschloss Shigeru Ban, die Röhren im Innern mit Holzbrettern zu stabilisieren. Seinen Entwurf schenkte er der Diözese. Für die übrigen Kosten wurde unter anderem das Geld verwendet, das die Versicherung nach der Zerstörung der alten Kathedrale überwiesen hatte.

Ein Foto in ihrem Haus zeigt Julie strahlend in einer grellorange leuchtenden Sicherheitsweste mit Pinselrolle in der Hand. Über Wochen hat sie damals Dutzende Pappröhren mit einer Polyurethanlösung bepinselt. "Ban hatte sehr hohe Ansprüche", erzählt sie, "und wir Laien sollten diesem professionellen Anspruch genügen." Drei akkurate Lackschichten mussten auf jeder Röhre aufgebracht werden, um sie vor Nässe zu schützen. Aber trotz penibler Kontrollen durch Bans Mitarbeiter zeigten sich schon kurz nach der Fertigstellung des Gebäudes erste Wasserschäden. Wo das Dach der Kirche an der Außenseite fast bis zum Boden reicht, ist der Karton an einigen Stellen aufgequollen.

Die Übergangskathedrale von Christchurch erinnert in ihrer Form entfernt an ein Kartenhaus. Wie Sprossen liegen die Kartonbalken auf einem A-förmigen Rahmen und bilden zwei steile Dachblätter. Kunststoffauflagen schützen die Konstruktion vor dem feuchten Klima. Von außen betrachtet, deutet kein christliches Symbol auf die Nutzung des Gebäudes hin. Im Innern dominiert der Rhythmus der Röhren und verleiht der einfachen Halle eine überraschende Feierlichkeit. Über dem Altar hängt ein schlichtes Holzkreuz. Die Stirnseite des Baus, zusammengesetzt aus gelben, roten und grünen Glasdreiecken, zitiert ein traditionelles Kirchenfenster.

Für Julie Florkowski ist die Frage nebensächlich, ob ihr das Gebäude gefällt oder nicht. "Wichtig ist, dass es da steht, dass wir durchgehalten haben." Für sie sei das ein großer Trost. Früher habe sie keine große Beziehung zur Kirchgemeinde gehabt, sagt Julie. Mit ihrem Mann lebt sie seit 22 Jahren in einem Vorort, der weitgehend von den Beben verschont blieb. "Aber ich hatte das dringende Bedürfnis, etwas zur Heilung dieser Stadt beizutragen." Spontan meldete sie sich auf eine Anzeige in der Zeitung und trat den Volontärdienst an. Seither fühlt sie sich mit der neuen Kathedrale so sehr verbunden, dass sie als Freiwillige weitermacht und jede Woche Besucher durch das Gebäude führt.

Für die Helfer sei es nicht einfach gewesen, bei der Stange zu bleiben, sagt Julie. Nicht nur das Bauteam machte Druck. Weite Teile der Öffentlichkeit missbilligten das Projekt von Anfang an. Als die Diözese bald nach der Katastrophe entschied, die Ruine der historischen Kathedrale niederzureißen, fühlten sich viele Menschen übergangen. Der Bau der Übergangskathedrale erschien ihnen als ein Schritt hin zu vollendeten Tatsachen. Denkmalschützer versuchen seither mit immer neuen Eingaben, den Abriss der Ruine gerichtlich zu verhindern.