DIE ZEIT: Herr Ramon, es gab in Jerusalem jetzt Streit zwischen Christen und Juden. Kurz vor der Papstreise kritisierte der lateinische Patriarch radikale jüdische Siedler. Anlass waren hebräische Schmierereien gegen Christen. Aber Papst Franziskus will keinen Streit. Nun bemühen sich das israelische Außenministerium und der Vatikan um Schadensbegrenzung. Muss man die Graffitti ernst nehmen?

Amnon Ramon: Schwer zu sagen. Der Grund für die Schmierereien war unter anderem ein Gerücht: dass der Abendmahlssaal auf dem Zionsberg an den Vatikan übergeben werden soll. Die Juden verehren dort das Grab Davids. Das Gerücht trifft nicht zu. Allenfalls soll es ein Betrecht für Franziskaner an bestimmten Tagen geben. Das wäre eine positive Geste Israels.

ZEIT: Wie ist das Verhältnis zwischen dem Vatikan und Israel heute?

Ramon: Alles in allem gut. Das war früher anders. Zwischen 1948 und 1967 gab es keinerlei Beziehungen. Der Vatikan war der letzte westliche Staat, der Israel anerkannte. Nach der Staatsgründung ging Rom davon aus, Israel sei ein vorübergehendes Phänomen. Nach dem Sechstagekrieg galt Israel als eine Tatsache. Ab 1967 gab es informelle Beziehungen. Mehr nicht – aus Sorge um das Schicksal der Christen in der arabischen Welt.

ZEIT: Wie kam die Wende?

Ramon: Erst nach dem Osloer Abkommen, als die Palästinenser faktisch Israel anerkannten, traute sich der Vatikan das auch. 1993/1994 strengte er sich an, die Verbindungen mit allen Beteiligten des Konflikts zu formalisieren – mit Jordanien, der Palästinenserbehörde und Israel. Dieser Prozess ist noch nicht zu Ende, ein umfassendes Abkommen fehlt. Auch mit den Palästinensern.

ZEIT: Dieser Papst-Besuch wird mit drei Tagen sehr kurz sein. Seine Vorgänger waren fünf bis sechs Tage im Nahen Osten.

Ramon: Das Augenmerk liegt auf der ökumenischen Begegnung. Manche klagen, dass die arabischen christlichen Gemeinden im Heiligen Land, aber auch die christlichen Migranten und Flüchtlinge in Israel nicht genug Aufmerksamkeit bekommen.

ZEIT: Der Papst wird auch das Holocaust-Museum Jad Vaschem besuchen. Bei seinem Vorgänger gab es im Vorfeld einen Eklat, weil Benedikt sich nicht dem Bild von Papst Pius XII. nähern wollte – der Begleittext des Bildes deutete an, dass die katholische Kirche zum Massenmord an den Juden geschwiegen habe.

Ramon: Das Bild hängt immer noch da, aber man hat die Bildlegende geändert. Benedikt ging nur in die Gedenkstätte, nicht ins Museum. Bei ihm war die Situation heikler, weil er Deutscher ist.

ZEIT: Franziskus ist Argentinier. Was heißt das?

Ramon: Es macht den Besuch leichter. Zumal Franziskus mit einem befreundeten Rabbiner und einem Imam reist. In Argentinien hatte Bergoglio enge Beziehungen zu den jüdischen Gemeinden. Ich hoffe, das wird die Atmosphäre entspannen.

ZEIT: Vorigen Dienstag gab es eine Sondersitzung der Knesset zu Ehren des Reformpapstes Johannes XXIII. Ungewöhnlich!

Ramon: Johannes XXIII. hatte als Nuntius in Istanbul während des Zweiten Weltkriegs Juden gerettet und sich auch in Bulgarien und anderswo für Verfolgte eingesetzt.

ZEIT: Johannes XXIII. wurde heiliggesprochen. Sollte Pius XII. seliggesprochen werden, wäre das ein Affront.

Ramon: Der Vatikan hat die Seligsprechung von Pius XII. autorisiert, aber wegen seines umstrittenen Verhaltens während des Holocausts ist klar, dass die jüdische Reaktion scharf ausfallen würde.

ZEIT: Wie sehen die Juden in Israel den Vatikan?

Ramon: Heute fühlt sich die Mehrheit völlig unabhängig von der christlichen Welt. In nationalreligiösen Kreisen gibt es aber noch starke Vorbehalte: Die Christen haben uns verfolgt, sie standen hinter den Pogromen und den Morden, wenn sie sich uns annähern, ist das nur Camouflage, in Wirklichkeit sind sie gegen uns.

ZEIT: Was bringt der Besuch des Papstes?

Ramon: Seit der Reise von Johannes Paul II. ist ein Besuch selbstverständlich. Präsident Schimon Peres hat ihn eingeladen, in der Hoffnung, dass er etwas zum Frieden beiträgt. Franziskus ist charismatisch und mag uns noch überraschen. Der Papst ist nicht berechenbar, auch für den Vatikan nicht. Ich hoffe, dass er uns positiv überrascht.