Der Weg zu den Lehrern führt vorbei an Sexshops mit roten Lackstiefeln und Dessous im Schaufenster. Vom Bremer Hauptbahnhof aus sind es nur ein paar Meter bis zum Nachtclub Parisé. Wer dort die Straße überquert, ist schon angekommen – beim Landesinstitut für Schule und bei der Fortbildung zur Sexualerziehung. In einem nüchternen Konferenzraum im vierten Stock sitzen 15 Pädagogen und reden über Pornografie. "Bitte nicht stören", sagt ein Schild an der Tür. Zuschauer sind nicht erwünscht – und Fragen am Ende der Veranstaltung auch nicht. Hastig raffen die Lehrer ihre Sachen zusammen und eilen hinaus. Alle bis auf den Dozenten.

Christian Scheidt lächelt bedauernd, doch die Zurückhaltung der Kollegen erstaunt ihn nicht. Er ist selbst Biologielehrer und hat als Referent für Schulkultur diese Fortbildung schon mehrmals geleitet. Seine Beobachtung: Bei keinem Thema herrscht unter Lehrern so viel Unsicherheit wie bei der Sexualaufklärung – erst recht, wenn es um Pornografie geht. Was wissen meine Schüler überhaupt? Was darf ich im Unterricht dazu mitteilen? Muss ich die Eltern fragen? Was sagt die Behörde dazu? Häufig, erzählt Scheidt, kämen die Lehrer mit dem Vorurteil zu ihm: "Die Jugend ist total versaut, wir müssen etwas dagegen tun!"

Wer sollte es ihnen verübeln? Kaum eine Schule, in der es noch keine sogenannten Sexting-Fälle gab, bei denen Nacktfotos von Jugendlichen ohne deren Einverständnis per Handy an Mitschüler versendet werden. Kaum eine Hofpause, ohne dass Schüler Porno-Raps von Sido oder Frauenarzt hören. Experten gehen davon aus, dass schon jeder dritte Elfjährige pornografische Filme gesehen hat. Medien verbreiten Horrornachrichten über die Wirkung pornografischer Bilder bei Jugendlichen. Bücher mit Titeln wie Generation Porno und Deutschlands sexuelle Tragödie: Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist erzählen traurige Geschichten über die sexuelle Verwahrlosung der Jugendlichen. Bei den einzelnen Lehrern könnte der Eindruck entstehen, durch die Köpfe ihrer Schüler spukten unvorstellbare Fantasien. Das macht die Aufgabe der Sexualerziehung nicht leichter. Sich als Pädagoge vor den unangenehmen Inhalten zu drücken wird zugleich aber immer einfacher.

Sexualpädagogen fordern eine "Pornokompetenz"

Die meisten Bundesländer haben den Sexualkundeunterricht zu einem fächerübergreifenden Thema erklärt. In Rheinland-Pfalz etwa sind an den weiterführenden Schulen die Fächer Biologie/Naturwissenschaften, Religion/Ethik, Deutsch, Sozialkunde und Sport dafür vorgesehen. Hier soll mit den Schülern über Geschlechterrollen, sexuelle Identität, Normen und Tabus oder "Familie und andere Formen des Zusammenlebens" diskutiert werden. Wird sich da nicht der eine Lehrer auf den anderen verlassen, bis die Sexualkunde am Ende von allen vergessen wird?

In den Kultusministerien von Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt, Berlin und Hamburg fragt man sich aktuell ohnehin, was heute überhaupt Gegenstand der Sexualkunde sein sollte. Das Saarland setzt bereits neue Richtlinien um. In den Lehrplänen ist viel von sexueller Vielfalt und Geschlechteridentität die Rede, der Umgang mit Pornografie kommt nicht vor. Sexualpädagogen fordern dagegen, Schülern müsse eine "Pornokompetenz" vermittelt werden, damit sie all die Bilder, die aus der virtuellen Welt auf sie einströmen, verkraften könnten. Doch von einer solchen sind selbst die meisten Lehrer weit entfernt.

Zu Beginn seiner Pornonachhilfe teilt Christian Scheidt einen "Selbsterkundungsbogen" aus. Da sitzen dann die Lehrer, angespannt, mit dem Stift in der Hand und lesen: "Ich kenne pornografische Seiten im Internet", "Ich habe Pornografie in meinem Leben bereits zur sexuellen Stimulation benutzt". Das "Ja" oder "Nein" anzukreuzen, traut sich kaum einer. Doch um mit Schülern über derart intime Dinge sprechen zu können, sei es wichtig, sich erst einmal selbst Rechenschaft abzulegen, meint Scheidt – auch wenn es erheblicher Überwindung bedarf. Er kann von Kollegen erzählen, die Arbeitsmaterialien wie Let’s talk about Porno von der EU-Initiative Klicksafe so verstohlen in ihre Tasche packen, als hätten sie heimlich Sexspielzeug gekauft. Viel bequemer und unverfänglicher ist es da doch, den klassischen Sexualkundeunterricht durchzuziehen, wie man ihn selbst noch erlebt hat.

An der Klosterschule, einem Gymnasium mitten in Hamburg, steht heute Biologie auf dem Stundenplan. Es ist acht Uhr morgens, und es geht um Hormone. Viele der 13- bis 15-jährigen Achtklässler stehen sichtbar unter ihrem Einfluss – doch das heißt nicht, dass sie etwas über sie lernen wollen. Auf der digitalen Tafel erscheinen Begriffe wie Hypophyse und Follikelreifung. Da schalten die meisten Schüler schon ab. Erst als es um die Fragen geht, die sie einige Tage vorher auf Zettel geschrieben haben, ohne ihren Namen nennen zu müssen, werden sie wieder munter: Wann beginnt die Pubertät? Nach wie vielen Tagen wirkt die Pille? Ist es normal, wenn man mit 14 noch keine Regel hat? Darauf erwarten sie Antworten.

Ihre Lehrerin Meike Ludzay erzählt nach der Stunde, dass sie den Eindruck habe, ihre Schüler interessierten sich immer noch mehr für Verliebtsein und körperliche Veränderungen als für Sex. Heute sei es auch keine Provokation mehr, knutschend auf dem Schulflur herumzustehen. Solche Szenen sehe sie deshalb an ihrer Schule selten. "Mir ist wichtig, dass wir die Jugendlichen nicht so übersexualisieren", sagt Ludzay.

Besorgte Eltern fragen sich: Wird mein Sohn zum Schwulsein verführt?

Diese Sorge teilt sie mit vielen Müttern und Vätern. Sobald sich die Schule der sexuellen Aufklärung nähert, befürchten sie, dass ihre Kinder dort mit nackten Tatsachen konfrontiert werden, für die sie aus elterlicher Sicht noch lange nicht reif genug sind. Wenn schon der Zugang zum virtuellen Sex nur schwer zu kontrollieren ist, möchten sie um Elternhaus und Schule wenigstens eine Art Firewall errichten, durch die keine schmutzigen Details dringen. Eltern reagieren zunehmend gereizt, wenn sie hören, dass es im Unterricht jetzt auch noch um Gender-Fragen und sexuelle Vielfalt gehen soll. Will die Schule die Geschlechterrollen auflösen? Muss meine Tochter sich mit sexuellen Praktiken Homosexueller beschäftigen? Wird mein Sohn zum Schwulsein verführt? Wie irrational die Ängste der Eltern sind, zeigte vor wenigen Monaten eine panikgetriebene Debatte um ein Arbeitspapier des baden-württembergischen Kultusministeriums: Darin stand, die Akzeptanz sexueller Vielfalt möge im Unterricht verankert werden.

Die typische Portion Halbwissen

Landesinstitute für Lehrerbildung und Schulentwicklung bestätigen, dass besorgte Eltern sich mehr und mehr nach der schulischen Aufklärung erkundigen. Häufig spielten dabei religiöse Motive eine Rolle – ob muslimisch, evangelikal oder streng katholisch. Gleichzeitig nehmen die Nachfragen von Lehrern zu, die nicht mehr wissen, wie sie Sexualkunde im Unterricht behandeln sollen.

Verständliche Sorgen, groteske Situation: Während jeder Grundschüler inzwischen mühelos Zugang zu Sexfilmen findet, fürchten die Erwachsenen, den Nachwuchs mit allzu viel Information zu überfordern. "Dass explizites Material verfügbar ist, ist eine Realität", sagt der Referent Christian Scheidt. "Wenn wir das in der Schule nicht behandeln, überlassen wir die Aufklärung der Pornoindustrie."

Aufklärung wollen auch die beiden Lehrerinnen Anja Weede-Freitag und Kerstin Middendorf an einer Hamburger Stadtteilschule. Den Jungen ihrer achten Klasse sprießt gerade ein weicher Flaum entlang der Oberlippe, bei den Mädchen wachsen die Brüste. Das sorgt für reichlich Ablenkung vom Lernen. "Die Jungs machen perverse Witze", sagt eine Schülerin. "Die kommen in die Klasse und rufen: 'Ich fick jetzt den Tisch!'" Per WhatsApp würden Bilder von nackten Frauen und Penissen herumgeschickt. Und der letzte Sexualkundeunterricht? An den können sich viele schon gar nicht mehr erinnern. "Das Thema drängt, wir können das nicht einfach ignorieren", sagt Weede-Freitag, die eigentlich Deutschlehrerin ist. Auch für ihre Schule gilt, dass Sexualkunde nun fächerübergreifend behandelt werden muss. Was das heißt, weiß niemand so genau. In Klasse acht jedenfalls ist nichts mehr geplant. Also haben die beiden Lehrerinnen für ihre Schüler einen Aufklärungsort außerhalb der Schule gesucht: zwei Stunden Information bei der Familienberatungsstelle pro familia.

Die Sexualpädagogen Silke Moritz und Sven Vöth-Kleine empfangen pro Woche mehrere Schulklassen. "Lachen erlaubt, Auslachen verboten", erklären sie die Regeln. Alle Fragen dürfen gestellt, Persönliches darf nicht weitererzählt werden. "Und uns müsst ihr danach nie wieder sehen", sagen die beiden. Vertrauen, Offenheit, Anonymität. Das ist das Prinzip von pro familia. Nach der Begrüßung zieht Silke Moritz eine weiße Schallschutzwand durch die Mitte des Raumes, nun sitzen die Mädchen links, die Jungen rechts.

"So, dann fangen wir mal an", sagt Vöth-Kleine in die Jungsgruppe hinein. Weiter kommt er nicht. "Hat der Penis einen Knochen, kann der brechen?" – "Wenn ich den Schwanz kurz vorm Orgasmus rausziehe, kann die Frau dann schwanger werden?" – "Kann man mit einem größeren Schwanz die Frau besser befriedigen?" Zwei Stunden werden kaum reichen, um alle Fragen zu beantworten. "Mann, Digga", ruft jetzt ein Junge, "auf die Schwanzlänge kommt es nicht an. Du musst wissen, wie." Lautes Gelächter. Es ist die typische Portion Halbwissen – viel Ahnung haben die meisten Jungs nicht. Pornos aber haben fast alle schon gesehen. Nebenan bei den Mädchen hat man es nicht ganz so eilig. Hier bleibt Zeit, den Film Sex, Lust, Liebe anzusehen. Ein paar Schülerinnen schütteln sich. "Eklig!" Gerade die Szenen, in denen es um lesbische und schwule Liebe geht, befremden die meisten. Dann reden sie mit Silke Moritz über das erste Mal. Ob ein Tampon das Jungfernhäutchen zerstören könne? Moritz kramt runde Styroporplättchen aus einem Stoffsack, aus dem sie bereits eine Plüsch-Vagina geholt hatte. Die Plättchen zeigen, wie unterschiedlich Jungfernhäutchen beschaffen sein können. Davon hänge es ab, ob es beim Einführen von Tampons reiße.

Die Zeit ist fast um. Jungs und Mädchen schicken sich jetzt noch gegenseitig Fragen ins Nachbarzimmer. Auf dem Zettel, den Vöth-Kleine durch den Türspalt schiebt, fragen die Jungen: Wie funktioniert bei euch die Selbstbefriedigung? Wie kann man euch sexuell erregen? Die Mädchen zögern. Selbstbefriedigung? "Keine Ahnung", sagt eine Schülerin, "hab ich noch nie gemacht." Die anderen nicken erleichtert. Wie man uns erregen kann? "Am Hals küssen vielleicht", sagt eine. "Am Arsch anfassen?" Von den Jungs wollen die Mädchen wissen: Worauf achtet ihr bei den Mädchen? In der gemeinsamen Runde liest Vöth-Kleine die Antworten seiner Gruppe vor: Gesicht, Titten, Arsch, Körperbau, Leggins. "Man beachte die Reihenfolge", sagt er und lacht. Die Schüler stecken noch Infomaterial in die Taschen, dann stürmen sie so laut hinaus, wie sie gekommen sind.

"Für eine achte Klasse war sehr wenig Basiswissen da", finden die Sexualpädagogen. Aber immerhin haben sie sich getraut, alles zu fragen. Das sei wichtig, "denn in normalen Umgebungen zeigen die Schüler ja nicht, wie wenig Ahnung sie eigentlich haben", sagt Vöth-Kleine. Das wäre uncool. Gut möglich also, dass das laute Getöse um Pornopraktiken nicht nur der Provokation dient, sondern auch dazu, die eigene Unsicherheit zu verschleiern.

Pornos schauen vor allem Jungs, mindestens zwei Mal in der Woche

Worauf es Jugendlichen ankommt, weiß Silja Matthiesen, die in Hamburg die Abteilung Sexualpädagogik von pro familia leitet und am Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie des Universitätsklinikums über Jugendsexualität im Internetzeitalter geforscht hat. Ihre Ergebnisse bieten wenig Anlass für Katastrophenschlagzeilen. "Jugendliche sind hochinteressiert an Beziehungen und Liebe, wünschen sich Treue und verhüten sorgfältig." So fasst die Sexualwissenschaftlerin ihre qualitative Studie zusammen. Offizielle Zahlen geben ihr recht. So zeigt eine große Studie zur Jugendsexualität der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) von 2010, dass die Zahl der Koituserfahrungen von unter 14-Jährigen rückläufig ist: Im Jahr 2009 fiel sie gegenüber 2005 bei den Mädchen von 12 auf 7, bei den Jungen von 10 auf 4 Prozent. Was die Verhütung angeht, ist der Trend ebenfalls positiv.

Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen außerdem, dass die Schwangerschaftsrate bei minderjährigen Frauen im internationalen Vergleich sehr niedrig ist und seit dem Jahr 2001 sinkt.

Wie aber wirkt sich nun der Pornokonsum aus? Die Studie des Uni-Klinikums in Hamburg zeigt, dass das Interesse an Pornografie vor allem Jungssache ist: Nicht einmal 10 Prozent der Mädchen, aber über 90 Prozent der Jungen haben mehr als sporadische Erfahrungen mit Pornografie. Jeder dritte männliche Jugendliche guckt zweimal wöchentlich oder öfter Sexfilme. Dennoch plädiert Matthiesen für Gelassenheit: Die Studie habe ergeben, dass der durchschnittliche Jugendliche sehr wohl zwischen Fiktion und Realität unterscheiden könne und all die Videos nicht dazu führten, dass sich das eigene Sexualverhalten ändere. "Die Unaufgeregtheit, mit der Jugendliche von ihren Erfahrungen mit Pornografie berichten, steht in einem auffälligen Kontrast zur Dramatik der öffentlichen Debatte", sagt Matthiesen.

Wie soll ein zeitgemäßer Sexualkundeunterricht aussehen?

Eine Art Gegenentwurf zum Bild der sexuell verwahrlosten Jugend findet man auch im Dachgeschoss eines Backsteinhauses im Alten Land, südlich von Hamburg. Dort wohnt Marie, die mit ihrer Klasse vor einigen Tagen bei pro familia war. Mit ihr auf einem grauen Sofa sitzen ihre Freunde, nennen wir sie Sophie und Ben. Sie wollen, wie Marie, ihre richtigen Namen nicht nennen. Die drei sind 14 Jahre alt, gehen auf unterschiedliche Schulen und treffen sich oft bei Marie, trinken Zitronenlimonade und quatschen. Auf dem Couchtisch liegen ein paar Mädchenzeitschriften, auch eine Bravo. Doch die Zeiten, in denen Jugendliche Dr. Sommer fragten, sind vorbei.

Die Erwachsenen sagen, ihr wachst in einer übersexualisierten Gesellschaft auf – wie empfindet ihr das? Klar, sagen die Jugendlichen, das Thema sei irgendwie immer da. Die Sexszenen in den Filmen, die Werbung, halb nackte Models. "Mit ein paar Jungs haben wir schon mal Pornos geguckt", erzählt Sophie, eher zufällig. Da schmeiße einer den Rechner an, und drei Klicks weiter sei man dann auf diesen Seiten. "Ich sag dann, mach das schnell wieder weg, los!" Auch Ben weiß, dass Pornos ein heiß diskutiertes Thema unter Jungs sind, doch er sagt: "Ich brauch das nicht." Seit einem Jahr hat er eine Freundin. Miteinander geschlafen haben sie noch nicht. "Ich muss das jetzt nicht sofort haben, aber ich habe auch keine Angst davor. Und ich weiß, wie man verhütet."

Die drei sprechen mit einem Ernst über Sexualität, der für ihr Alter erstaunlich ist. Sie machen sich viele Gedanken und teilen sie miteinander. Vielleicht schützen sie sich auf diese Weise unbewusst vor der Erregung der Erwachsenen. Mit wem sollten sie auch sonst reden? Für die Jugendlichen ist klar: mit den Eltern nicht!

Mindestens drei Viertel der Jugendlichen haben ihre Kenntnisse über Sexualität, Fortpflanzung und Verhütung aus dem Schulunterricht, wie die Jugendsexualitätsstudie der BZgA zeigt. Gerade bei männlichen Einwandererkindern ist die Schule der wichtigste Ort und der Lehrer die wichtigste Person für die Sexualaufklärung. Und auch die übrigen Jungen messen den Lehrern ähnlich große Bedeutung zu wie der eigenen Mutter. Bei den Mädchen ist der Stellenwert der Schule auch nicht zu unterschätzen. Deshalb findet Silja Matthiesen: Ein Angebot wie das von pro familia könne nur Ergänzung sein, nie Ersatz für die Sexualaufklärung im Unterricht. "Idealerweise nehmen sie aus unserer Beratung mit, dass man offen über Sexualität sprechen kann, ohne prollmäßig auf die Kacke hauen zu müssen", sagt Matthiesen. Anders als in der Schule hätten die Jugendlichen bei pro familia ein Gegenüber, das derbe Sprüche wegstecke.

Von der Schamgrenze des Lehrers hängt ab, wie gut Sexualkunde unterrichtet wird

Mit blöden Sprüchen auch im Unterricht entspannter umzugehen, will Christian Scheidt in seiner Lehrerfortbildung vermitteln. Wenn seine Schüler ihm zurufen: "Herr Scheidt, wir machen am Wochenende Gangbang!", kontert er: "Ah, wie viele kommen denn?" Scheidt ordnet solche Situationen ein als das, was sie meistens sind: Provokationen. Etwas von dieser Gelassenheit möchte er den Kollegen mitgeben. Meistens seien sie schon erleichtert, wenn sie realisieren, dass sie keine völlig verrohten Jugendlichen erziehen müssen. Und vor allem wenn sie merken, dass das Thema nicht bierernst abgehandelt werden muss. Bei keiner anderen Fortbildung von ihm werde mehr gekichert, erzählt Scheidt. Zum Glück, "denn wenn gelacht wird, ist der Leistungsdruck weg".

Nicht jeder Lehrer eignet sich jedoch gleichermaßen für die Aufklärung. Und so hängt es oft von der Schamgrenze des einzelnen Pädagogen ab, wie gut der Unterricht am Ende wird. "Niemand hat ein Auge darauf, wie qualifiziert die Lehrer für den Sexualkundeunterricht sind", sagt Karla Etschenberg. Die emeritierte Erziehungswissenschaftlerin hat viele Jahre an der Uni Flensburg zum Thema Sexualerziehung gearbeitet. Seit 1968 gebe es in Deutschland Empfehlungen und Richtlinien zur Sexualerziehung, aber keine Verpflichtung, Lehrer dafür auszubilden. Solange das Feld jedem Pädagogen überlassen werde, der sich dazu berufen und dafür zuständig fühle, sei es nicht verwunderlich, dass die Sexualerziehung die buntesten Blüten treibe, sagt Etschenberg. Die einen verlassen sich auf veraltete Biologiebücher und rein anatomisches Fachwissen. Andere folgen sexualpädagogischen Konzepten, die der Sexualität einen völlig überhöhten Stellenwert einräumen.

Wie aber soll ein zeitgemäßer Sexualkundeunterricht aussehen?

Am Gymnasium Klosterschule in Hamburg wird die Sexualaufklärung als wesentlicher Bestandteil des sozialen Lernens verstanden und nicht einzelnen Fachlehrern überlassen. Die ganze Schule ist in ein Konzept involviert, das von der fünften bis zur zehnten Klasse reicht und genau erfasst, was die Schüler in Sexualkunde erlernen und wissen sollten. Herzstück der sexuellen Aufklärung ist dabei eine zweiwöchige Projektwoche unter dem Titel "Liebe, Freundschaft und Sexualität" in der sechsten Klasse. "Wir haben als Schule einen klaren Erziehungsauftrag, da gehört die Sexualerziehung selbstverständlich dazu", sagt Meike Ludzay. Sie müsse auch permanent bereit sein, auf die Probleme der Jugendlichen zu reagieren. Wenn einer verheult in die Klasse komme, weil er Liebeskummer hat, könne sie nicht sagen: Setz dich hin, jetzt ist Unterricht. Und wenn sie merkt, dass Schüler ständig nur noch Porno-Raps zitieren, bespricht sie die Texte bei einem Klassennachmittag – und zwar erst recht dann, wenn im Unterricht gerade keine Zeit für Sexualkunde ist.

Eine solche Form der Sensibilisierung würde sich ihr Bremer Kollege Scheidt langfristig an allen Schulen wünschen: "Jeder Lehrer, egal, welcher Fachbereich, sollte auf das Thema eingehen können, wenn es aufkommt." Denn neben den Grundlagen in Biologie geht es doch vor allem um die Stärkung von Lebenskompetenzen, um einen guten und selbstbewussten Umgang mit dem eigenen Körper und alldem, was Jugendlichen aus den Medien entgegenstürzt. Für die Wissenschaftlerin Matthiesen bleibt das eine sexualpädagogische Utopie – solange die Sexualität von Jugendlichen unter dem Vorzeichen der Gefährdung diskutiert werde und so die schönen und heilen Seiten der Sexualität völlig in den Hintergrund gerieten. Genau wie die gute Nachricht, dass man mit diesem Thema garantiert Interesse am Schulunterricht weckt. Damit kriegt man die Schüler. Immer.

Mitarbeit: Christian Heinrich

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