Hätte Lena Pavlova gewusst, dass Kochen zum Höhepunkt ihres Alltags werden würde, sie wäre nie und nimmer in die Schweiz gezogen. In St. Petersburg, wo sie aufwuchs, kommt kein Schulkind über Mittag nach Hause. Die Mütter sind bei der Arbeit. Nach der Promotion in Biologie arbeitete sie in einem Institut für Agrarforschung. 1998 zog sie mit ihrem Mann nach Deutschland und forschte an der Uni Bielefeld. Ihr erster Sohn Nikita war ganztags in der Schule, der kleinere Dmitri in der Krippe. Pavlovas Leben, ihre Karriere waren in vollem Gange. Bis ihr Mann Boris vor bald sieben Jahren ein tolles Jobangebot in der Schweiz erhielt. Die Biologin zweifelte keine Sekunde, dass sie weiterhin als Forscherin tätig sein würde. Schließlich wusste sie: Die Schweiz ist berühmt für ihre Pharmabranche. Die Familie packte also ihren Hausrat – und zog nach Wettingen.

Dann der Schock. Als das russische Ehepaar Hortplätze für die Kinder suchte, hieß es, dass man sich ein, vielleicht auch zwei Jahre gedulden müsse. Mit Befremden stellten sie fest: In der Schweiz rechnet niemand mit Müttern, die Vollzeit arbeiten. Das Land, das sich seiner innovativen Wirtschaft rühmt, pflegt ein verstaubtes Rollenverständnis von Frau und Mann. Kurzum: Eine Frau, die Vollzeit arbeiten will, sollte in der Schweiz keine Kinder haben.

Doch Pavlova ist nun mal da – und sie hat Kinder. Wie Tausende andere auch. Jede zweite Frau, die in die Schweiz einwandert, kommt, weil ihr Mann hier eine Stelle gefunden hat. Familiennachzug nennt sich das. Viele dieser Frauen sind hoch qualifiziert. Aber für ihr Können, ihr Wissen, ihr Potenzial interessiert sich kaum jemand.

"Ich bereue, dass ich mich nicht über die Bedingungen in der Schweiz informiert hatte", sagt Pavlova. Die zierliche Frau sitzt am Küchentisch und schaut zum Fenster raus. Sie schweigt. Als im Februar die Wirtschaft nach dem Ja zur Volksinitiative gegen die Masseneinwanderunge aufheulte, weil die Schweiz nun unattraktiv für hoch qualifizierte Ausländer würde, konnte sie nur müde lächeln. Ihr hatte die Schweiz beruflich noch nie viel geboten.

Im Gegensatz zu ihren Männern. Sohn Nikita studiert inzwischen Mathematik an der Uni Zürich, Dmitri besucht die vierte Primarklasse. Nach dem Mittagessen bringt sie ihn zum Förderkurs für techniktalentierte Kinder. Sie selbst versuchte vier Jahre lang, im Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Sie fand denn auch Stellen, die Firmen wollten sie. Es waren alles Hundert-Prozent-Jobs. Pavlova sagte, kein Problem: "Doch als wir endlich einen Krippenplatz für Dmitri hatten, war er bereits im Kindergarten. Und wir wussten nicht, wie er von dort zur Krippe kommen soll, wenn wir beide arbeiten." Ein Au-Pair kam für sie und ihren Mann nicht infrage. Dmitri sollte den Tag mit anderen Kindern verbringen, auch, um schneller Mundart zu lernen. Dann kam der Kleine in die Schule: Aber in der mit 20.000 Einwohnern größten Gemeinde des Aargaus gab es keine Tagesstrukturen. Lena Pavlova hatte sich inzwischen nach Teilzeitjobs umgesehen, keiner passte. "Nach sehr frustrierenden Jahren entschied ich: Von nun an investierte ich alle Energie in die Familie." Heute hat sie sich damit zurechtgefunden. Sie liest oft und ist viel mit ihrem wissenshungrigen Sohn unterwegs. Manchmal denkt sie, dass sie zu wenig unternommen hat, doch irgendwann fehlte die Kraft. "Jetzt bin ich 53. Wer nimmt mich jetzt, nachdem ich auch noch sieben Jahre weg von der Forschung bin?" Demütigend sei das. Darum will sie ihren richtigen Namen auch nicht in der Zeitung lesen.

Aber Pavlova ist kein Einzelfall. In der Schweiz leben 162.000 hoch qualifizierte Ausländerinnen. Niemand weiß, wie viele von ihnen nicht arbeiten, obwohl sie eigentlich möchten. In Baden, wo die großen internationalen Unternehmen Alstom und ABB zu Hause sind, trifft man sie Tag für Tag auf den Spielplätzen. Oder im Familienzentrum Karussell. Im Café plaudern sie in akzentreichem Deutsch oder auf Englisch. Während ihre Männer, Ingenieure und IT-Spezialisten, arbeiten, kämpfen die albanische Sozialarbeiterin, die algerische Maschinenbauerin oder die kolumbianische Tierärztin gegen die Hoffnungslosigkeit, die sich nach der x-ten Absage auf eine Jobbewerbung breitmacht. Sie rätseln schon gar nicht mehr, was der wahre Grund sein könnte: die Sprache, die Aufenthaltsbewilligung, der ausländisch klingende Name, die Kinder. In den Briefen heißt es jeweils bloß, man habe eine Person mit passenderen Qualifikationen gefunden.