Die Geschichte von Steve beginnt mit einer Puppe. Im Sommer 1939 heißt Steve noch Vera, ist ein fünfjähriges jüdisches Mädchen, sitzt in einem Zug von Wien nach England und hält sich an ihrem Käthe-Kruse-Püppchen fest. Vera Buchthal flieht allein mit ihrer vier Jahre älteren Schwester Renate vor den Nazis. Im Kindertransport ist für die Eltern kein Platz. Rund 1000 Kinder spielen, schlafen, weinen in den Waggons, begleitet von nur zwei Erwachsenen. Der Transport bedeutete die Rettung – aber zunächst einmal Chaos.

Als der Zug nach mehr als zwei Tagen an der Liverpool Street Station in London ankommt, ist die Puppe weg. Kein guter Start im neuen Land. Genau wie die Puppe wird die kleine Vera auch die Verbindung nach Deutschland verlieren. Später wird sie ihren Namen ändern und zur Multimillionärin aufsteigen, sie wird ihren eigenen Sohn überleben und den Großteil ihres Vermögens verschenken.

Erst mal bekommt sie aber ein neues Spielzeug von ihrer englischen Gastmutter, ein scheußliches Ding, aus Stofffetzen zusammengeflickt. Doch Vera, die bald ihren Zweitnamen Stephanie vorzieht, behält sie. Zwar entgehen Stephanies leibliche Eltern der Verfolgung durch die Nazis, doch seit sie das kleine Mädchen in den Zug nach England gesetzt haben, ist das Verhältnis zur Tochter gestört. Die Mutter streicht sie aus dem Testament, der Vater heiratet ein zweites Mal und wird in der neuen Bundesrepublik Oberstaatsanwalt von Hessen. Die alte Familie interessiert ihn nicht mehr.

Um mehr Aufträge zu bekommen, ändert sie ihren Namen zu Steve

Wie also wurde aus Vera Buchthal, der gebürtigen Dortmunderin, Stephanie Shirley, eine Dame des Britischen Empire, die heute alle nur Steve nennen?

England im Februar dieses Jahres: Eine präsente Frau von 80 Jahren bittet hinein zu sich, in ein kleines Haus in einem reichen Vorort von London. Besucher empfängt Shirley im Obergeschoss, in ihrem Arbeitszimmer. Durch das Fenster zeigt sie auf die Themse, im Sommer liegt irgendwo hier die Ziellinie einer Ruderregatta, Pflichttermin im Kalender der feineren englischen Gesellschaft. Doch der wochenlange Regen hat das Land so überflutet, dass schwer auszumachen ist, was noch Fluss ist und was schon Überschwemmung. Shirley scheint das nicht zu stören, der teure Blick aufs Wasser soll zeigen: Sie hat es geschafft, hier in England, trotz aller Widerstände.

Passend zur Botschaft trägt Shirley einen roten Hosenanzug in der Extravaganz britischer Upper-Class-Damen. Vorbei die Zeiten, in denen sie sich wie ein Mann kleiden musste: schwarzer Anzug mit weißem Hemd und schwarzem Halsband anstelle einer Krawatte. Sexismus war der erste Kampf ihres neuen Lebens. Autismus wird der zweite werden. Den ersten wird sie gewinnen, den zweiten verlieren.

"Als ich zur Schule ging, musste ich für meinen Mathe-Unterricht kämpfen", erzählt Shirley. Biologie sei noch das Wissenschaftlichste gewesen, was Mädchen lernen sollten. Weil Shirley das Geld zum Studieren fehlt, geht sie arbeiten. Für ihre geliebte Mathematik bleibt nur Zeit in der Abendschule.

Ihr erster Job führt sie immerhin in ein Zukunftslabor der britischen Post. Es ist Pionierzeit, die Datenverarbeitung wird langsam elektronisch. Shirley ist fasziniert. Die männlichen Kollegen sind nett zu ihr, bis sie merken, dass sie Ambitionen hat. "Ich sagte zu ihnen: Ich glaube an equal pay, also lasst mich mein Werkzeug selber tragen!"