In keiner deutschen Stadt leben prozentual so viele Witwen wie in Hamburg. Womöglich hat Hamburg auch die meisten Porsche-Fahrer und das höchste Müllaufkommen pro Kopf. Das sind Superlative, die man jedoch selten über Hamburg hört. Mehr hält man sich auf einen anderen Titel zugute: Hamburg ist Stiftungshauptstadt, und wenn nächste Woche im CCH der Deutsche Stiftungstag stattfindet, werden die Hamburger ihre Kollegen aus der Stiftungsprovinz bestimmt daran erinnern, wo sie sich genau befinden – in der Hauptstadt nämlich – und wie viele Stiftungen hier arbeiten.

Rund 1300 sind es derzeit, Hamburg ist das Bundesland mit den meisten Stiftungen pro Einwohner. Umso wichtiger, dass die Einwohner wissen, was diese Stiftungen eigentlich machen. Doch wer tut das schon?

Na gut, die Körber-Stiftung kennen die meisten, sie wirbt in der U-Bahn. Die Toepfer-Stiftung ebenfalls, leider auch deshalb, weil der Unternehmer Alfred Toepfer einst Geschäfte mit den Nazis machte. Und auch Jan Philipp Reemtsma ist einerseits in der breiten Öffentlichkeit für sein gesellschaftliches Engagement bekannt, aber auch durch seine Entführung. Und dann ist da noch Klaus-Michael Kühne, Logistiker und Wahlschweizer, der Hamburg vor Jahrzehnten den Rücken gekehrt hat und doch so viel tut in der Stadt, nicht bloß für den armen HSV.

Und trotzdem ist es ja nicht so, dass man in Hamburg aus der Tür tritt und über Stiftungen stolpert. Hamburger Stiftungen arbeiten eher im Verborgenen, sie wollen gar nicht so präsent sein, und viele sind verschwindend klein. Man muss die Sebastian Wolff Stiftung für Internationalen Jugendhockeyaustausch nicht unbedingt kennen. Andere Stiftungen wiederum setzen Jahr für Jahr Millionenbeträge ein, doch auch die sind überraschend unscheinbar. Wer weiß schon, was die Nordmetall-Stiftung im Einzelnen tut. Die Hubertus-Wald-Stiftung. Die Claussen-Simon-Stiftung. Ja, wer sind die überhaupt? Sind die am Ende so mächtig und einflussreich, dass man mehr über sie wissen müsste? Und leisten sie gute Arbeit?

Kaum eine Hamburger Stiftung lässt sich in die Zahlen gucken

Auf den Stiftungstagen wird die Frage nach Transparenz und Wirkung schon seit Jahren diskutiert. Mit der gewachsenen Zahl der Stiftungen und der damit einhergehenden gesellschaftlichen Bedeutung ist auch der Druck gestiegen, mehr Informationen öffentlich zu machen – finanzielle Kennzahlen vor allem, damit deutlich wird, ob Stiftungen effizient aufgestellt sind. Gewinn-und-Verlust-Rechnung, Personalkosten, vielleicht sogar die Vorstandsgehälter. Doch so viel wie eine gewöhnliche GmbH publiziert fast keine Hamburger Stiftung, schon gar nicht die größte. Auf der Internetseite der Joachim Hertz Stiftung finden sich kaum mehr als zwei Zahlen. Das Stiftungsvermögen (1,3 Milliarden Euro) und die 2013 eingesetzten Mittel (7,5 Millionen Euro).

Darüber hinaus gibt es noch die sogenannte Wirkungsdebatte, also die Frage, ob größere Stiftungsprojekte auf ihre Wirkung hin überprüft werden müssen. Der Trend kommt aus dem Angelsächsischen und wird von den großen deutschen Unternehmensstiftungen gepusht, das Instrumentarium klingt nach McKinsey. In Berlin sitzt Phineo, ein Beratungsprojekt der Deutschen Börse und der Bertelsmann Stiftung, da arbeiten junge, gut ausgebildete Leute, die andere Stiftungen mithilfe einer siebenstufigen "Wirkungstreppe" analysieren und dabei ziemlich viele Anglizismen benutzen. Output. Outcome. Impact. Gerade haben die Phineo-Berater die Deutsche Telekom Stiftung in Bonn geprüft, mehrere Monate lang – ein Modellprojekt, das Nachahmer finden soll.