Achtung, liebe Deutsche, Sie dürfen sich ausnahmsweise mal freuen. Es heißt ja sonst gern, im eisigen Wind der Globalisierung werde das Land immer kälter, der Gemeinsinn schwinde, jeder denke nur an sich und friste ein hochindividualisiertes, einsames Dasein. Stimmt alles gar nicht, im Gegenteil: Der soziale Zusammenhalt wächst!

Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung, in der allerlei Datensätze und Erhebungen seit 1990 aus den 16 Bundesländern ausgewertet wurden. Die Forscher leiteten daraus ab, wie es um unsere Beziehungen bestellt ist, wie stark wir uns mit unserem Gemeinwesen identifizieren, wie sehr wir unseren Mitmenschen helfen. Tatsächlich soll sich der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland in den vergangenen 25 Jahren verbessert haben. Wir seien heute toleranter gegenüber sexuellen Minderheiten, hätten weniger Angst vor Kriminalität und immer größeres Vertrauen in unsere Institutionen, heißt es in der Studie. Das gelte besonders für den Stadtstaat Hamburg, den absoluten Spitzenreiter in Sachen soziales Miteinander (womit nebenbei auch noch das Klischee widerlegt wäre, im urbanen Raum gehe die Gemeinschaft erst recht vor die Hunde).

Woran liegt’s? Wohlstand hilft, sagen die Wissenschaftler. Je geringer die Armut, desto höher der gesellschaftliche Zusammenhalt. Von wegen wachsende Spaltung in Arm und Reich! Und noch ein Klischeebrecher: "Ethnische Diversität unterminiert den Zusammenhalt entgegen landläufiger Annahmen nicht", so die Studie. Vielmehr seien hohe Migrantenanteile eng verknüpft mit einem stärkeren sozialen Miteinander.

Bevor das Land jetzt in Multikulti-Wirtschaftswachstums-Seligkeit verfällt, hier noch einige Einschränkungen: Der positive Gesamteindruck speist sich leider nicht aus den ostdeutschen Bundesländern (außer Berlin). Weniger Jobs, mehr Armut und ein geringerer Urbanisierungsgrad führten dort zu einem deutlich schwächeren gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und auch gesamtdeutsch trübt eine Entwicklung das Bild: Unsere Bereitschaft, Einwanderer die Sitten und Gebräuche ihrer Herkunftskultur pflegen zu lassen, habe eher nachgelassen. Schwule mögen heute voll okay sein – Muslime sind es noch nicht so ganz.

Was folgt aus den Befunden? Als, sagen wir, Muezzin sollte man vielleicht nicht unbedingt in die brandenburgische Provinz ziehen. Aber das hatten wir, ehrlich gesagt, irgendwie schon geahnt.