Mein ganzes Leben lang hatte ich gedacht, Nordseeküste stünde für Ebbe und Flut, Weite, Krabbenbrötchen, Friesennerz, Sturmgebraus und Scholle mit Speckstippe. Deswegen fährt man dorthin. Wer es mehr mit Hüttengaudi, Brettljausen und Frauen im Dirndl hat, fährt in die Alpen. So schlicht war meine Weltsicht, bis ich nach Sylt kam und feststellen musste: Diese einschlägig besungene und als Promi-Hotspot gefeierte Dünenidylle, die ansonsten wirklich ganz hübsch ist, hat sich zu einem alpinen Überraschungseiland entwickelt. Ihm wohnt die Kraft inne, Leute wie mich, die denken, sie seien in Norddeutschland, aus dem Konzept zu bringen.

Die Verwirrung beginnt mit Käfern auf dem Teller. In der Kleinen Teestube. Hier, im Ortskern von Keitum, wo es kaum noch Lebensmittelläden gibt, dafür aber eine Menge Boutiquen, liegt der schöne Garten von Frau Horstmann. Tische und Stühle stehen vor dem alten Backsteinhaus, auf dem das Reet dick und schwer ruht. Die grün-weiße, mit Schnitzereien verzierte Holztür rundet das Bild vom friesischen Haus ab. Innen sind die Decken niedrig, die Räume klein und mit antiken Möbeln gemütlich eingerichtet. Hier möchte man sein, wenn der Blanke Hans die Menschen in die Häuser treibt und man ahnt, warum die Friesen Rum in ihren Tee kippen. Jetzt aber, beim sonnigen Frühlingswetter, ist es schöner, draußen zu sitzen, zwischen den Blumen und den zwitschernden Vögeln. Es geht darum, hier zu sein. Diesen geschwungenen Straßenzug mit den vollen Bäumen zu betrachten und den leichten Wind zu spüren, der die Blumenköpfe wackeln lässt. Es geht darum, ein Stück Friesentorte zu essen, in diesem Berg Sahne zu schwelgen, mit dem Pflaumenmus darunter, der eingefasst wird von dem knuspernden Blätterteig, während der wohlige Duft eines guten Tees in die Nase dringt.

Doch die Friesentorte – sie kommt auf einem Teller von Feinkost Käfer. Aus München. Weißes Porzellan mit Marienkäfern. "Entschuldigung", möchte ich zur Bedienung sagen, "Entschuldigung, aber das Geschirr ist falsch!" Doch als sie in den Blick kommt, eröffnet sich der Bayernoffensive zweiter Teil: Die Frau trägt alpenländische Landhauskleidung, ein Kleid mit Schürze und Dirndlbluse und Edelweiß-Applikationen am Gürtel. Nordisch by nature, habe ich das Gefühl, etwas verteidigen zu müssen. Sie sehe das Problem nicht, sagt die Kellnerin. Die Kleidung sei nun mal hübsch. Auch der Gast am Nachbartisch will nicht staunen, er habe Urlaub, "mir ist das egal". Also staune ich allein. Und verbuche das Café als singuläre Touristenveräppelung. Bis ich am Ellenbogen, dem nördlichen Ende der Insel, die Weststrandhalle betrete. Auch hier erwartet eine Frau im Dirndl die Gäste. Über ihr am Dachbalken prangt die Fahne Österreichs, auf der Karte steht Kaiserschmarrn.

Jetzt bin ich sensibilisiert. Und während ich wachen Auges über die Insel radele, zeigen sich mir überall Boten der alpenländischen Kultur. Am Strand von Wenningstedt etwa, wo in dem friesisch ausgerichteten Restaurant Meeresblick die Bedienung gleichfalls im Dirndl serviert; in Westerland, wo Wein-Schachner "Spezialitäten aus der Steiermark" anbietet. Ich sehe zwei Ableger der Imbisskette Münchner Hahn und obendrein das HendlHouse. Tiroler Stuben sind auf Sylt ansässig, außerdem das Wirtshaus Glöck’l, in dem, wie anderswo auf der Insel, das Oktoberfest gefeiert wird. Und während in Westerland im Geschäft Sportalm der Verkauf von Dirndlkleidern für die Betreiber sehr zufriedenstellend läuft, flattert am Strand von Kampen, wo die Kurkarte aus einer Skigondel heraus kontrolliert wird, das textile Erbe von Luis Trenker im Wind: Fahnen mit Werbeaufdruck für die gleichnamige Boutique.

Die Verwirrung wächst. Ein Paulaner am Strand in allen Ehren, schließlich schmeckt Champagner dort auch, aber diese Fülle alpiner Lebensart – warum hier, zwischen Watt und Hering? Sylt liegt rund 1000 Kilometer fern der Berge. Über Land ist die Anreise mühevoll, eine Bahn muss bestiegen, ein Damm passiert werden. Das Bergvolk kann also nicht zufällig hier gestrandet sein, denke ich und mache mich auf, das Rätsel der Invasion zu lösen.

"Dem Land Tirol die Treue", heißt es auf dem Rücken der Serviererin

Für erste sachdienliche Hinweise steuere ich die Luis-Trenker-Boutique an. Unter dem Namen des legendären Bergsteigers gibt es fünf Geschäfte. Drei in der Schweiz, eines in Österreich – und dieses hier, eingebettet in die friesische Bauernhausidylle von Keitum. Der kleine Laden vertreibt sportive Freizeitmode in poppigen Farben. Damit man weiß, wo man nicht ist, schmücken alpine Schwarz-Weiß-Fotografien die Wände. Darauf sieht man Luis Trenker und Leni Riefenstahl im Schnee sehr zufrieden blicken. Vor dem Laden steht ein mit Geweihen und Edelweiß geschmückter Strandkorb, drinnen wartet Andreas Kindel darauf, Kunden mit Sakkos für 600 Euro glücklich zu machen. Mich allerdings muss er enttäuschen: Hier kaufen entgegen meiner Annahme keine Süddeutschen, die ihren Janker vergessen haben, sondern "Kosmopoliten". "Unsere Kundschaft ist heute hier und morgen dort", sagt der charmante Verkäufer. Die will einfach gut einkaufen, "wenn sie mal einen Tag Zeit hat". Der Weltenbummler ruft, die Insel antwortet, so sieht man es hier.