Ein 18 Monate altes Schimpansen-Junges, aufgenommen im einem australischen Zoo. © Greg Wood/AFP/Getty Images

Einen Ausweg gibt es nicht. Es gibt kein Leben, in dem die Interessen von Mensch und Tier nicht aufeinanderprallen. Wir töten Tiere ganz nebenbei, schon wenn wir einen Acker pflügen. Aber wir töten nicht nur unabsichtlich und – ehrlich gesagt – auch nicht, weil wir sonst Hungers sterben müssten. Wir töten, um Fleisch zu essen. Wir töten, um Medikamente zu testen. Wir töten, um selbst nicht sterben zu müssen. Wir töten auch, um das Leben zu verstehen.

Und bevor wir töten, nehmen wir Tiere gefangen. Wir bestimmen die Bedingungen ihres Lebens. Wir züchten und mästen allein in Deutschland jedes Jahr 750 Millionen Hühner, Puten, Schweine, Rinder und andere Nutztiere. Wir verhätscheln 33 Millionen Hunde, Katzen, Hamster und andere Haustiere. Wir machen Experimente an drei Millionen Ratten, Mäusen und anderen Versuchstieren.

Ist das moralisch verwerflich? Gibt uns nicht die einzigartige Spitzenposition des Menschen in der Hierarchie des Lebens das Recht dazu? Und haben wir nicht schon mit einem der strengsten Tierschutzgesetze der Welt alles dafür getan, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen?

Das eine wie das andere bezweifeln die Tierrechtsaktivisten des Great Ape Project, die seit Jahren elementare Grundrechte für Menschenaffen fordern: das Recht auf Leben, auf Freiheit, auf körperliche wie psychische Unversehrtheit. Die Giordano-Bruno-Stiftung hat sich für diese Forderung vergangene Woche in Deutschland stark gemacht.

Menschenrechte für Menschenaffen also. Doch wenn wir die Grenze nicht mehr wie bisher zwischen humanen und nicht humanen Lebewesen ziehen, wo ist sie dann im Spektrum zwischen Mensch und Einzeller? Gestehen wir Schimpanse und Co. Persönlichkeitsrechte zu, müssten dann nicht rasch die Delfine folgen, weil sie so klug und kommunikativ sind? Und die Elefanten und Wale, weil sie ein größeres Gehirn haben als wir? Oder die Hunde, weil sie so lernfähig und empathisch sind? Auch Elstern haben ein nachgewiesenes Ich-Bewusstsein und Erdmännchen eine ausgeprägte Sozialstruktur. Das Great Ape Project jedenfalls versteht den Einsatz für unsere nächsten Verwandten als "Türöffner" für weitere Rechte-Initiativen. Ein absurder Gedanke?

Nicht unbedingt. Die Debatte um einen erweiterten Tierrechtsbegriff hat sinnvolle Seiten. Denn die Ethik hinter der bisherigen Tierschutzdebatte ist oft das, was die Philosophin Friederike Schmitz "Käfigethik" nennt. Sie verhandelt Zumutbarkeiten, und diese Verhandlungen sind zäh: Es geht um die Größe von Gehegen und Ställen, die Methoden der Tötung und Schlachtung, die Zulässigkeit von Forschungsfragen, die vermeintliche Artgerechtheit des Tieralltags. Was wir glauben, Tieren zumuten zu dürfen, zeigt die Reise des Psychologen und Tierrechtlers Colin Goldner durch jene 38 deutschen Zoos, in denen Menschenaffen gehalten werden – beschrieben in dem soeben erschienenen Band Lebenslänglich hinter Gittern. Die Zustände seien "katastrophal", urteilt Goldner.

Die Diskussion um Bürgerrechte für Tiere befördert einen neuen Blick auf das Verhältnis von Mensch und Tier. Die Wissenschaft bestärkt die unangenehme Erkenntnis: Tiere sind uns ähnlicher, als wir denken. Und Menschenaffen sind uns ganz besonders ähnlich. Sie spüren Schmerz. Sie trauern. Sie lieben ihre Kinder. Sie haben ein Ich-Bewusstsein. Sie planen für ihr Leben. Sie haben sogar eine Kultur. Die aktuelle Forschung zeigt: Man muss nicht Mensch sein, um Person sein zu können, ein Individuum mit Gedächtnis, Willen und Wünschen.

Bleibt unsere kognitive Überlegenheit als (relatives) Distinktionsmerkmal. Es ist die letzte Rechtfertigung für den Status quo. Doch einer größer werdenden Zahl von Menschen dämmert die Einsicht: Wir müssen unsere Perspektive grundsätzlicher ändern. Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag, der die Tiere mit einschließt. Und als Resultat besseren Tierschutz auf allen Ebenen.