Im Saal A 0.020 des Bayreuther Landgerichts ist es jetzt totenstill. Ist die kleine Peggy, die vor 13 Jahren verschwunden ist, wirklich so gestorben? Das Video ruckelt, aber den dicken Mann auf der Leinwand erkennt man gut. Er läuft einen steinigen Weg entlang, kaum breiter als eine Schwimmbahn. Der Weg schlängelt sich bergauf, vorbei an dichten Büschen, alten Zäunen und herabhängenden Ästen. Der Mann schnauft. Als er an einer Treppe stehen bleibt, rasselt sein Atem. Er hält sich am Geländer fest und keucht: "Dann habe ich ihr den Mund zugehalten, die eine Hand am Hinterkopf. Dann hat sie keine Luft mehr gekriegt und die Augen zugemacht."

Unerwartet füllt lautes Lachen den Raum. Männer und Frauen schütteln ihre Köpfe, winken ab. "Alles erfunden", sagt einer. "So ein Blödsinn", behauptet ein anderer. Es sind die Unterstützer des dicken Mannes aus dem Film.

Am 7. Mai 2001 verschwindet die damals neunjährige Peggy Knobloch aus dem kleinen Städtchen Lichtenberg in Oberfranken spurlos. Weil weder ein Erpresserschreiben noch ein Abschiedsbrief auftauchen, gehen die Ermittler schnell von einem Tötungsdelikt aus. Den Täter vermutet die eingesetzte Sonderkommission (Soko) im sozialen "Nahfeld des Opfers". Sie liefert allerlei Theorien, aber letztlich keine Ergebnisse. Auf Druck des bayerischen Innenministeriums wird eine zweite Soko installiert, die nach einigen Monaten den Täter präsentiert: Ulvi Kulac, den damals 24-jährigen Sohn eines Lichtenberger Gastwirt-Ehepaars. Er ist der dicke Mann aus dem Video. Er kannte Peggy gut.

Kulac hat einen IQ von 67, er kann kaum schreiben, lesen und rechnen. Er soll Peggy getötet haben, um eine Vergewaltigung an dem kleinen Mädchen zu vertuschen, die vier Tage zuvor in seiner Wohnung stattgefunden haben soll. Er hat die Tat gestanden, in einer Vernehmung und auch bei der Tatrekonstruktion vier Wochen später. Sie sei "weggerennt aus Angst, dass ich sie wieder fick", hatte er gesagt.

Dieses Geständnis hat er später widerrufen. Im folgenden Prozess am Landgericht Hof argumentierten seine Anwälte, der Tatablauf sei ihm von der Polizei suggeriert worden. Er habe bloß alles zugegeben, weil er endlich Ruhe haben wollte vor den bohrenden Fragen und den Drohungen der Ermittler. Sachbeweise gegen Kulac gibt es keine, keine DNA-Spuren, keine Fasern. Und: bis heute auch keine Leiche.

Trotzdem wurde Ulvi Kulac am 30. April 2004 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt – wegen Mordes. Die Kammer in Hof stützte sich in ihrer Begründung maßgeblich auf das aussagepsychologische Gutachten des Berliner Sachverständigen Professor Hans-Ludwig Kröber, in dem es heißt, es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass Kulacs "Angaben erlebnisbegründet" seien. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil bestätigt.

Genau zehn Jahre später steht der inzwischen 36-jährige Ulvi Kulac nun wieder vor Gericht. Diesmal verhandelt die Jugendkammer des Landgerichts Bayreuth, die einen Wiederaufnahmeantrag des Rechtsanwalts Michael Euler für zulässig erklärt hat. Die Richter nehmen die neuen Beweise der Verteidigung ernst. Vor allem die Tathergangshypothese des renommierten Münchner Tatortanalytikers Alexander Horn, die damals in den Akten nicht aufgetaucht war. Horn hatte vor Kulacs Vernehmungen ein grobes Szenario der Tat entworfen, es heißt dort: "Grund für die Eskalation könnte die Vergewaltigung der Peggy durch Ulvi Kulac im Vorfeld sein." Die Richter sahen nun die Möglichkeit, dass die Ermittler dem geistig Behinderten diesen Tathergang tatsächlich suggeriert haben könnten.

Das Gericht in Bayreuth hat lange gebraucht, um der Wiederaufnahme stattzugeben. Auch deshalb witterte eine ganze Allianz aus Unterstützern, Medien und wütenden Bürgern den nächsten bayerischen Justizskandal. Gerade erst hatte man Gustl Mollath durch politischen Druck aus der Klinik geholt, jetzt also Gerechtigkeit für Ulvi Kulac. Passenderweise kennen sich Mollath und Kulac, sie saßen eine Zeit lang sogar auf benachbarten Stationen des Bezirkskrankenhauses Bayreuth. Zwei Justizopfer, die sich, an Händen und Füßen gefesselt, im Garten unterhielten.