Es brauchte nur ein Smartphone. Und eine Filmerin, Marina Belobrovaja, die draufhielt. Eine ganze Reise lang. Eine Reise, die nicht ans Meer führte und auch nicht zu einem Unesco-Weltkulturerbe. Sondern nach Tschernobyl. In die Zone.

Es entstand der 49-minütige Dokumentarfilm Warm-Glow.

Mit dabei auf dieser Carfahrt zu den Zeugen des Super-GAU von 1986 sind auch Politiker, Journalisten und NGO-Mitarbeiter, die "am eigenen Leib spüren und erleben" wollen, wie es ist, dort zu sein, in diesem Katastrophengebiet. Und Belobrovaja hält mit ihrer Handykamera so nah drauf, dass wir Zuschauer uns als Teil der Gruppe fühlen.


Zum Beispiel bei der Touristenattraktion "Zeremonie": Kaum dem Bus entstiegen, hält jeder Reisende eine rote Rose in der Hand und spaziert damit, begleitet von live aufgespielter Trauermusik, auf einem Friedhof auf und ab und legt dann die Blume nieder vor einem Grab. Wir sehen: bewegte Gesichter. Später spaziert die Gruppe durch den Vergnügungspark, der nach der Katastrophe stehen geblieben ist. Das gelbe Riesenrad verlottert. Man fotografiert. Staunt. Kommentiert. Und geht weiter. Drängt sich – Programmpunkt "Begegnung mit Einheimischen" – in die Stube einer Familie. Man betrachtet Frauen und Kinder und vernimmt, dass eines am Herzen, ein anderes an der Schilddrüse krankt. Man fotografiert. Überreicht Schokolade. Das Kind soll "Bye to the uncle" sagen. Tut es aber nicht.

Und die Kamera immer dabei. Sie läuft, wenn der Grünliberale Parteipräsident Martin Bäumle den Geigerzähler zückt. Wenn die Grüne Franziska Teuscher staunt, dass man hier noch immer auf Atomenergie setzt. Wenn der Journalist sagt, dass es für ihn einerlei sei, in Tschernobyl zu sein oder an einer Parteiversammlung. Und auch dann, wenn eine Frau ins Grübeln gerät: "Warum haben diese Leute Kinder hier?" Und überhaupt: "Was machen wir da?!"

Kein Kommentar unterlegt den Film. Und das macht ihn so großartig. Dass die Filmemacherin Belobrovaja so nah an ihren Protagonisten bleibt, dass sie keine Distanz sucht. Und sie es dem Publikum überlässt, sich berühren zu lassen von diesen Touristen und ihrem aufrichtigen Wunsch, zu verstehen. Oder aber sich fremdzuschämen für ihr Gaffen.

Und wer nach den 49 Minuten Dok-Film nicht genug hat, kann die Reise selber buchen. Bei Kuoni. Ab 1.790 Franken.