Am Abend des 29. Dezember 2013 betreten mehrere Polizisten in Zivil die Suite Nummer 2056 des Kairoer Marriott-Hotels. Sie durchsuchen die Räume und unterziehen die dort arbeitenden Al-Dschasira-Journalisten Mohammed Fahmy und Peter Greste einem bizarren Verhör.

"Hier trefft ihr euch also nachts mit den Kameraleuten für eure Interviews?"

Greste, 49, Ostafrika-Korrespondent des Fernsehsenders, spricht kein Arabisch. Er ist nur für drei Wochen als Verstärkung aus Nairobi nach Kairo gekommen und sitzt jetzt hilflos auf dem Sofa. Fahmy, 40, beantwortet die Fragen mit irritiertem Nachdruck, so zeigt es das Polizeivideo.

"Wir treffen uns nicht nachts."

"Zu wem unterhaltet ihr Beziehungen?"

"Na, zu unserer Redaktion in Katar."

"Aha! Katar! Zu wem genau? Ich will Namen."

"Zu unserem Chefredakteur."

Kurz darauf werden die Journalisten in einem Minibus weggefahren. Sie wirken eher entnervt als verängstigt. Der Australier Greste hat in seiner Laufbahn aus dem Kongo und Somalia berichtet, Fahmy, Ägypter mit kanadischer Staatsangehörigkeit, über Menschenhandel auf dem Sinai und die Revolution in Libyen. Sie glauben, Schlimmeres erlebt zu haben als Polizisten, die sie kurz festsetzen. Sie glauben auch, dass ihre ausländischen Pässe sie schützen werden.

Gut vier Monate später stehen die beiden Fernsehmänner in weißer Gefängniskleidung in einem Kairoer Gerichtssaal, eingesperrt in einen Käfig. Zusammen mit 18 anderen Journalisten und Studenten sind sie der "Verbreitung falscher Nachrichten zur Destabilisierung des Landes" angeklagt. Ihnen wird vorgeworfen, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein oder eine solche zu unterstützen. Gemeint ist die ägyptische Muslimbruderschaft. Den Männern droht eine Haftstrafe zwischen fünf und fünfzehn Jahren.

Journalisten sollten lediglich beobachten und berichten, schrieb Greste seiner Familie in einem Brief aus dem Gefängnis, "und nie Gegenstand der Story sein". Jetzt sind er und seine Kollegen die Hauptfiguren einer Geschichte, die in Ägypten spielt und doch weit über dessen Grenzen hinausreicht. Sie erzählt von einem Land, dem der eigene Freiheitsdrang unheimlich geworden ist, und von einem Machtkampf, in dem der Fernsehsender Al-Dschasira aus Katar ebenso eine Rolle spielt wie das saudische Königshaus, der amerikanische "Krieg gegen den Terror" und diverse ausländische Geheimdienste. Auch der deutsche.

Die perfekte Konterrevolution. So wirkt Ägypten heute. Militär, Geheimdienste und Justiz scheinen die Freiheiten des Arabischen Frühlings so flink abzubauen wie Bühnenarbeiter eine Theaterkulisse.

Gut drei Jahre nach dem Sturz des Diktators Hosni Mubarak und ein Jahr nach dem Sturz des ersten frei gewählten Präsidenten Mohammed Mursi sind rund 16.000 Menschen aus politischen Gründen inhaftiert – unter ihnen die gesamte Führungsriege von Mursis Muslimbruderschaft sowie zahlreiche Organisatoren der Massenproteste auf dem Kairoer Tahrir-Platz im Januar 2011. Die "Bewegung des 6. April", eine Keimzelle des Aufstandes gegen Mubarak, wurde erst vor wenigen Wochen verboten. Die islamistische Muslimbruderschaft gilt seit Dezember als "terroristische Vereinigung", in zwei ersten Massenprozessen gegen ihre Anhänger verhängte ein Richter mehr als 1.000 Todesurteile. Diese sind nur noch nicht rechtskräftig.

Journalisten, die die Justiz kritisieren, müssen ihrerseits mit Strafverfolgung rechnen, Fotografen, die Polizeigewalt dokumentieren, mit einer Gewehrkugel.

In wenigen Tagen, am 26. und 27. Mai, wählt Ägypten einen neuen Präsidenten. Großer Favorit ist Abdel Fattah al-Sissi, der starke Mann der Armee. Viele Aktivisten des Arabischen Frühlings sehen seinen Aufstieg als endgültige Rückkehr in die Zeiten des Mubarak-Regimes.