Michail Bakunin war ein russischer Revolutionär - und immer ganz vorne mit dabei, wenn in Europa Revolution gemacht wurde.

Ach, Verfassungen! Gesetze! "Wir brauchen etwas anderes: Sturm und Leben und eine neue, gesetzlose und darum freie Welt." Das ist die unverwechselbare Stimme des Anarchisten Michail Bakunin. Die Worte stammen aus einem Brief, den der 35-Jährige im Revolutionsjahr 1848 an einen Freund schrieb, den deutschen Dichter Georg Herwegh. Wo immer es im damaligen Europa nach Revolte roch, war der hünenhafte Russe auf den Barrikaden, riss die Aufständischen mit, stritt und zechte mit ihnen, teilte die Gefahr und jedes Mal die Niederlage. Ein abenteuerliches Leben, in dem er bis zum Schluss eigentlich ein Kind blieb, wie seine Biografin, die Schriftstellerin und Historikerin Ricarda Huch, 1923 schrieb.

Bakunin, Netzwerker, Enthusiast und ewiger Verlierer, hat keine bedeutenden Theorien hinterlassen, anders als sein Freund und Feind Karl Marx. Seine Leidenschaftlichkeit indessen, mehrfach literarischer Stoff geworden, leuchtet immer noch – auch das unterscheidet ihn von dem verkniffenen Strippenzieher aus Trier. Vor ihm hatte Bakunin gewarnt: Marx’ doktrinärer Kommunismus werde auf Unterdrückung hinauslaufen.

Geboren wurde Michail Alexandrowitsch Bakunin am 30. Mai 1814 in einem westrussischen Dorf. Sein Vater, schrieb er später, war, "wie man sich damals ausdrückte, Eigentümer von 1.000 männlichen Seelen. Die Frauen rechnete man in den Zeiten der Leibeigenschaft nicht, wie man sie jetzt, in den Zeiten der Freiheit, auch noch nicht rechnet. Er war also Herr von etwa 2.000 Sklaven."

Mit 15 Jahren wird Michail auf die Petersburger Artillerieschule geschickt, dann nach Weißrussland, wo er bald den Dienst quittiert. Er zieht nach Moskau, wird Mathematiklehrer, studiert Philosophie. Als er 22 Jahre alt ist, fällt ihm Johann Gottlieb Fichtes Anweisung zum seligen Leben in die Hände – eine Offenbarung. Fichte unterscheidet das wahrhaftige vom scheinbaren Sein: Das wahrhaftige Sein sei die Liebe, und der Liebende stehe über dem Gesetz. Jetzt braucht nur noch jemand "Liebe" durch "Revolution" zu ersetzen.

Bakunin macht sich umgehend auf den Weg nach Berlin. Sein Freund Alexander Herzen, später ein sozialistischer Publizist, bezahlt ihm die Reise. Überhaupt wird Herzen jahrzehntelang zahlen für Bakunin, den Schnorrer, Revolutionsreisenden, Verfolgten, der zwar selbst auch großzügig ist, aber stets mit dem Geld der anderen.

In Berlin, Europas philosophischem Zentrum, wird der junge Russe Hegelianer und hält alles, was besteht, für vernünftig. Doch bald lernt er die Linkshegelianer kennen, für die das Reich der Vernunft erst noch kommen wird. Er denkt radikal um und gelangt wie Marx zu dem Schluss: Materielle Interessen bestimmen die Geschichte, und es sind die Ausgebeuteten, deren Revolution die Menschheit befreien wird. Sein Lebensthema ist gefunden. In der Zeitschrift des Radikaldemokraten Arnold Ruge schreibt er 1842: "Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust!"

Der Satz macht ihn berühmt. Und er ist nicht metaphorisch gemeint. Immer wieder kommt Bakunin auf den Gedanken zurück, dass die vorrangige Aufgabe der Revolution die Zerstörung sei. Man müsse "die Amtsgebäude in Brand stecken", "alle Prozess-, Eigentums- oder Schuldakten dem Feuer übergeben". Bakunin lässt auch keinen Zweifel daran, dass der revolutionäre Ansturm "blutig und grausam" sein werde.

Solche Gewaltfantasien finden überall dort Gehör, wo sich Zorn und Hoffnungslosigkeit paaren. So schildert Émile Zola in seinem Roman Germinal von 1885, wie der Maschinist Étienne Lantier auf den Kollegen Suwarin trifft, der sich auf Bakunin beruft: "Alles zerstören ... Keine Nationen, keine Regierungen, kein Eigentum, keinen Gott und keinen Kultus." Daraufhin Lantier: "Ich verstehe. Aber wohin führt euch das?" – "Zur anfänglichen formlosen Gemeinschaft, zu einer neuen Welt, zu einem neuen Beginn von allem." – "Und die Mittel der Durchführung? Wie wollt ihr die Sache anfassen?" – "Mit dem Feuer, mit dem Gift, mit dem Dolch. Der Räuber ist der wahre Held, der Volksrächer [...]. Eine Reihe von furchtbaren Attentaten muss die Mächtigen erschrecken und die Völker erwecken."

Tatsächlich sieht Bakunin in den russischen Räubergesellschaften, die im Schutz der Wälder ein ungebundenes Leben führen, den Prototyp der revolutionären Assoziation. Er wird damit auf ungewollte Weise recht behalten: Wenige Jahrzehnte später wird ein anderer junger Mann diese Tradition fortsetzen, erst als Kleinkrimineller, später als Bandenchef, sodann als Rebell, Revolutionär und schließlich als Diktator und Vertilger aller Oppositionellen, ob sie nun Anarchisten, Demokraten oder Monarchisten sind: Josef Stalin, der Vollstrecker des Marxismus-Leninismus.

Aus Sibirien flieht er über Japan nach San Francisco und New York

Mitte der 1840er Jahre jedoch ist die Revolution für Bakunin nichts als eine Sehnsucht. Mittlerweile lebt er in Paris, und wohin er blickt, sieht er Völker und Freigeister unterdrückt. Wo könnte die Geschichte den ersten Schritt machen?

In Polen, glaubt Bakunin nach einer kurzen Reise dorthin. Im November 1847 hält er auf einer Versammlung polnischer Exilanten in Paris eine Brandrede, fordert die Verbrüderung der Polen und Russen mit dem Ziel der "Befreiung aller slawischen Völker" vom Despotismus – woraufhin er aus Frankreich ausgewiesen wird, auf Betreiben des russischen Gesandten. Auch Karl Marx und Friedrich Engels hat er sich mit seinem Auftritt zu Gegnern gemacht, denn die halten die slawischen Völker für prinzipiell "konterrevolutionär".

Rastlos reist der aus Frankreich Verbannte nun durch Europa, von Geheimtreffen zu Geheimtreffen, und wenn er nicht redet, schreibt er Briefe. Die rebellischen Geister untereinander zu verbinden ist ihm die wichtigste Aufgabe, eigentlich wäre er ein Mann für das frühe 21. Jahrhundert, in dem sich Aktivisten in aller Welt per Facebook und Twitter vernetzen.