Keiner hat so erbarmungslos und zugleich nachsichtig wie der Arzt Arthur Schnitzler davon erzählt, wie die Libido uns alle im Griff hat, wie bereitwillig wir lügen, wo es um den erotischen Vorteil geht, und wie wir uns selbst kaum wiedererkennen, wenn die Begierde uns den Kopf vernebelt. Mehr als 80 Jahre nach Schnitzlers Tod ist jetzt in seinem Cambridger Nachlass eine noch unbekannte Novelle entdeckt worden. Eine Schnitzler-Neuerscheinung im Jahr 2014 – das ist eine schöne Nachricht, auch wenn Später Ruhm , wie die Novelle schon fast selbstreferentiell-prophetisch heißt, es mit einem Leutnant Gustl und dem Spiel im Morgengrauen nicht aufnehmen kann.

Arthur Schnitzler ist der sarkastische Analytiker unserer Selbsttäuschungen. Der greise Eduard Saxberger erhält Besuch eines jungen Mannes, der ihm erklärt, dass das "junge Wien" ihn als den Dichter der Wanderungen verehre. Saxberger, der längst ein braves Beamtenleben führt, hatte diese Jugendsünde schon fast vergessen, aber dem schmeichelhaften Gefühl, plötzlich ein Idol der Jugend zu sein, geht er bereitwillig auf den Leim. Wer wäre nicht lieber Dichter als Philister? Dunkel spürt er die hohlen Exaltationen der jungen Dichter, die ihn hochleben lassen, aber ist das nicht die wahre Lebendigkeit, der noch nicht heruntergedimmte Pulsschlag? Schnitzlers Novelle erzählt von der Sehnsucht danach, schöpferisch zu sein, und vom realen Trübsinn, in den uns unsere Mittelmäßigkeit hinabzieht. Wir raten zu.