Wer meint, Europawahlen seien nicht wichtig, den überzeugt vielleicht ein Besuch im Justizpalast von Pesaro vom Gegenteil. Dort, in der italienischen Hafen- und Provinzhauptstadt, schließt die Staatsanwältin Silvia Cecchi demnächst umfangreiche Ermittlungen ab. Es geht um europaweiten Betrug mit Bioprodukten. Dieser Coup gegen einen internationalen Fälscherring beleuchtet nicht nur die Symptome einer Wachstumsstörung der Ökobranche. Vielmehr entlarvt er eine unzulängliche Agrarpolitik – die gerade in Brüssel wieder heiß diskutiert wird.

Der italienische Krimi begann mit einer verdächtigen Differenz. Im August 2012 entlud ein Schiff im Hafen von Ravenna 946 Tonnen Soja für einen Futtermittelhändler in Pesaro. Bei Stichproben fand die Gesundheitsbehörde in der Ladung bis zu vier Prozent gentechnisch veränderte Organismen, die in Bioprodukten tabu sind. Auch bei konventionellen Lebensmitteln gehen in Europa maximal 0,9 Prozent Verunreinigung durch. Die importierte Soja konnte also weder als Ökoware noch konventionell vermarktet werden. Merkwürdig aber: Das Labor des Käufers stellte nur 0,58 Prozent fest. Einen Bruchteil der Behördenwerte, deutlich unter dem Schwellenwert.

"Das gefiel mir nicht", sagt Silvia Cecchi. Die Ukraine als Herkunftsort der Soja, der Transport über Malta, der Stempel der Kontrollstelle: Die Konstellation erinnerte die Staatsanwältin an die Aktion Gestiefelter Kater ihrer Kollegen in Verona. Dort waren zwei Jahre zuvor vier Betrüger zu Haftstrafen verurteilt worden. Sie hatten tonnenweise Rohstoffe falsch als Bio etikettiert und mit fiktiven Rechnungen Steuern hinterzogen.

Cecchi schaute sich also die Unterlagen der Futtermittelfirma genauer an – und entdeckte peu à peu ein ganzes Firmennetzwerk. Um dessen mafiösen Verstrickungen auf die Schliche zu kommen, ermittelten am Ende hundert Polizisten, Steuerfahnder und eine Sondereinheit des Landwirtschaftsministeriums unter dem Decknamen Vertical Bio. Heute ist die Staatsanwältin überzeugt, dass eine kriminelle Vereinigung von 2007 bis 2014 in großem Stil Rohstoffe aus Osteuropa und Indien als falsche Bioware in die EU geschleust hat. Auch Recherchen wie ihre veranlassten die Kommission dazu, eine Reform der EU-Ökoverordnung in Angriff zu nehmen.

In den Mitgliedsstaaten überwachen teils staatliche, teils von den Behörden beauftragte private Kontrollstellen, dass die Ökobranche die Regeln des EU-Biosiegels einhält. Einmal im Jahr kommen sie in den Betrieb, außerdem ab und zu unangemeldet. Drittländer aber haben oft andere oder gar keine Gesetze für den Ökolandbau. Dort sorgen zugelassene Kontrollstellen dafür, dass interessierte Bioerzeuger ihre Produkte nach gleichwertigen Regeln in die EU ausführen können. Importeure bekommen eine Genehmigung, wenn sie entsprechende Zertifikate und Berichte vorlegen.

Im Fall Vertical Bio sollen italienische Drahtzieher mit einer Vielzahl von Firmen gefälschte Biowaren aus der Ukraine, aus Moldawien, Kasachstan, Transnistrien oder Rumänien teils über Malta nach Italien transportiert haben – und von dort weiter nach England, Frankreich, Deutschland. Laut den Ermittlern drückten bei den Zertifikaten Komplizen in den Biokontrollstellen die Augen zu. Unter Verdacht stehen Mitarbeiter bei den moldawischen und ukrainischen Ablegern der italienischen Institute Biozoo und Suolo e Salute. In einigen Ländern wurden Regierungsbeamte bestochen. Das dokumentieren laut Silvia Cecchi abgehörte Skype-Gespräche und Telefonate.

Rund 2.000 Tonnen Getreide hätten die Ermittler in Häfen und Firmenhöfen beschlagnahmt, sagt die Juristin; dazu Lieferlisten, Quittungen, Rechnungen, Immobilien. Sie belegten Geschäfte mit über 300.000 Tonnen angeblicher Biorohstoffe während der fraglichen sieben Jahre, darunter Raps, Dinkel, Gerste, Roggen, Mais, Futtererbsen, Soja, Leinsamen, Hartweizen und Sonnenblumenkerne. Im Veroneser Fall hatten sich viele Transporte später als Geistertouren auf Papier erwiesen, um das Finanzamt zu betrügen. Ob dies auch bei Vertical Bio geschah, ist offen. Sollten sich die bekannten Transportmengen als real verschobene Güter erweisen, dann hätten sie 1.200 Lastzüge gefüllt. 32 Millionen Euro sollen gesetzeswidrig verdient worden sein.

Silvia Cecchi holt Laborakten aus dem Schrank. In Proben wiesen die Analysen Pestizide nach, etwa Pirimiphos-methyl oder Chlormequat. Gesundheitsschädlich seien die Rückstandsdosen in keinem Fall gewesen, betont die Staatsanwältin. Doch sie habe Nachweise gefunden, dass Bioware mit konventioneller vermischt und "gestreckt" wurde.