Ursula von der Leyen schaut gut gelaunt hinter einem orangefarbenen Schild hervor, auf dem vier Entenjunge friedlich durch die Welt watscheln. Kameras surren, Fotoapparate klicken, na klar. "Kinderkrippe Campusküken" steht über den Enten und, etwas kleiner, "Universität der Bundeswehr". Es ist ein Montagmorgen im Mai, jener Tag, an dem schwer bewaffnete Separatisten bei den Siegesfeiern zum Referendum in den ostukrainischen Städten Donezk und Luhansk wild durch die Luft ballern und die EU weiteren Putin-Vertrauten Konten sperrt. Im Süden von München tanzen derweil Kita-Kinder mit Federn an den Armen um die deutsche Verteidigungsministerin herum, die kleinen Köpfe schmücken spitze Pappschnäbel und tellergroße Pappaugen. Tolle Bilder sind das, das halbe Dutzend Kameraleute und doppelt so viele Fotografen sind begeistert. Und die Frau, um die sich alles dreht, ist es auch. Krise, Gefechte, Tote? Vögelein, Vögelein, komm tanz mit mir.

Geht das? Darf sie das? In Zeiten, in denen Europa wieder über Krieg und Frieden redet, eröffnet Deutschlands Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt mit großen Tamtam die erste bundeswehreigene Kita. Vereinbarkeit von Familie und Beruf statt Konfrontation von Ost und West. Bevor jemand anderes die Frage stellt, stellt von der Leyen sie selbst und liefert die Antwort gleich mit: "Natürlich geht das. Vereinbarkeit ist kein weiches Thema, kein Nice-to-have. Sie entscheidet über die Zukunft der Truppe."

Die Zukunft der Truppe hat in München Wände aus Holz, fußballtorgroße Fenster, und ihr Boden ist schön bunt. Kasernen sehen anders aus.

Rund fünf Monate ist von der Leyen jetzt Chefin auf der Hardthöhe, als erste Frau in diesem Amt. In dieser Zeit hat sie vor allem eins getan: Sie hat irritiert. Ihr neues Umfeld, die Öffentlichkeit – und ein wenig wohl auch sich selbst. Mit der Ankündigung, Deutschland werde künftig größere sicherheitspolitische Verantwortung übernehmen. Mit der Chuzpe, das Verteidigungsressort mit der Rhetorik einer Familientherapeutin zu führen. Mit der Härte, erst mal zwei Staatssekretäre rauszuschmeißen. Mit der Koketterie mit ihrer Unwissenheit über Militärabzeichen und anderes Gedöns. Von der Leyen, der Medienliebling, muss damit klarkommen, wie eine Sozialtante in Flecktarn zu wirken, eine, die sich in die Außen- und Sicherheitspolitik verirrt hat. Die Favoritin auf die Merkel-Nachfolge hat sich binnen kurzer Zeit zur Exfavoritin runtergewirtschaftet. Doch all das verdeckt, dass von der Leyen in einem ganz sie selbst geblieben ist: Sie weiß genau, was sie will.

Wenn von der Leyen die Bundeswehr betrachtet, sieht sie nicht Männer und Frauen in Uniform, nicht Panzerhaubitzen und Kampfhubschrauber, nicht Befehl und Gehorsam, sie sieht ein Unternehmen, das ein bis zwei Jahrzehnte der Zeit hinterherhinkt: Die Arbeitszeiten sind starr, die Hierarchien steil und Frauen potenzielle Mütter und somit ein Problem. Sie ist die Erste in dem Amt, die selbst vom Bendlerblock aus die Bundeswehr von außen betrachtet. Kommen ihr Generäle mit Kameradschaft, kontert sie mit Corporate Identity. Im Gespräch äußert sie, ganz nebenbei, eine erstaunliche Selbstbeschreibung für eine Verteidigungsministerin: "Ich bin die Chefin eines Konzerns." Sie nähert sich der Bundeswehr eben nicht, wie man ihr vorhält, als ewige Familienministerin. Sondern mit dem kühlen Blick von McKinsey.

Von der Leyen will, nein: sie muss die Bundeswehr zu einem modernen, attraktiven Arbeitgeber formen. Nicht morgen, nicht irgendwann nach der Ukrainekrise, sondern jetzt. Weil die Zeit drängt, weil der Wettbewerb um den Nachwuchs immer härter wird. Und weil eine Legislaturperiode nur vier Jahre dauert.

"Wir.Dienen.Deutschland." Mit diesem Slogan wirbt die Bundeswehr seit den Thomas-de-Maizière-Jahren um Nachwuchs und für sich selbst. Von der Leyen hält das für traditionsseligen Humbug, in ihren Ohren klingt es wie "Wir.Sind.Kerle." – martialisch, männerbündlerisch, irgendwie 1980er. Höchste Zeit, es abzuräumen.

Ihr Vorgänger de Maizière hat einst eine Beauftragte für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf eingesetzt – und sie umgehend vergessen. Vorlagen versandeten ebenso wie Ideen. Eine neue EU-Richtlinie zu Höchstarbeits- und Ruhezeiten bezeichnete de Maizière als "bestimmt sinnvoll", aber nicht für die Bundeswehr.