So schnell kann Jugend verblühen. Einst "zu jung, zu intelligent, zu schön" für dieses Land, steht Österreichs früherer Finanzminister Karl-Heinz Grasser heute am Gang des Wiener Handelsgerichts und kräuselt die Lippen. Sein einstiges Markenzeichen, ein offensives Grinsen, ist aus dem gebräunten Gesicht verschwunden. Die gute Laune überlässt er seinem Rechtsanwalt, einem temperamentvollen älteren Herrn im gepflegten Dreiteiler. Dieter Böhmdorfer soll den einst obersten Steuereintreiber Grasser vom Vorwurf befreien, er habe Steuergeld in Millionenhöhe hinterzogen.

Der forsche Wiener Advokat, der in Grassers Namen nun dessen Ex-Steuerberater wegen "Fehlberatung" verklagt, tritt immer wieder in Erscheinung, wenn sich jemand im Netz des Korruptions- und Wirtschaftsstrafrechts verheddert hat. Einmal war es der wegen Bestechlichkeit verurteilte Ex-Politiker Uwe Scheuch, einmal Wolfgang Kulterer, der frühere Boss der Skandalbank Hypo Alpe Adria. Aber auch für das Umfeld der Glücksspielbranche und den ukrainischen Oligarchen Dmitry Firtasch steigt Böhmdorfer in den Ring. Er tritt dabei stets so auf, als decke er einen neuen Justizskandal auf: Die begangene Tat sei zweifellos verabscheuenswert, doch habe man, bitte schön, den Falschen erwischt. "Bauernopfer" ist eine gern benutzte Vokabel, wenn Böhmdorfer zum polternden Plädoyer ansetzt.

Bekannt wurde der Wirtschaftsanwalt Böhmdorfer als Politiker: Als Grasser Finanzminister war, war er Justizminister der ÖVP/FPÖ-Regierung. Der stämmige Mann mit dem schütteren Haar und einem geringen Interesse für geziemende Umgangsformen gehörte im Kabinett zu den schärfsten Kritikern des um 26 Jahre jüngeren Kollegen in der Himmelpfortgasse.

Der Finanzminister drängte auf eine Amnestie für Abgabensäumige, der Justizminister machte aus seiner Abscheu für diese Idee keinen Hehl. "Die Unehrlichen werden begünstigt, die Braven sind die Dummen", schimpfte Böhmdorfer, der auch Konsumentenschutzminister war, und drohte mit einem Veto im Ministerrat. Es war nicht das erste Mal, dass Böhmdorfer für Unruhe im Wendekabinett sorgte, in diesem Fall traf es Sunnyboy Grasser aber besonders empfindlich: Die Werbetrommel für die Steuerreform versagte, alles sprach nur noch von dem Unterkapitel Amnestie.

Grassers Prestigeprojekt wurde abgeblasen, doch der als unbiegsam geltende Justizminister verlor an Rückhalt. Als sich Gerüchte über seine bevorstehende Ablöse häuften, reagierte Böhmdorfer blitzschnell und demissionierte. Selbst der Kanzler soll vom Rücktritt seines Regierungsmitglieds aus den Nachrichten erfahren haben.

Böhmdorfer war von einem Tag auf den anderen wieder ganz Wiener Rechtsanwalt. Auch heute, 71-jährig, steht er mit beiden Beinen im Geschäftsleben.

"Ich bedaure alle Menschen, die nie zornig sind", sagt Böhmdorfer

So abrupt, wie Böhmdorfer im Juni 2004 die Regierung verlassen hatte, war er zu ihr gestoßen: Nachdem Michael Krüger, Jörg Haiders erste Wahl für das Justizministerium, nur 25 Tage nach seiner Angelobung wegen diverser Peinlichkeiten ausgeschieden war, suchte der FPÖ-Chef jemanden, dem er blind vertrauen konnte. Er rief seinen eigenen Rechtsbeistand, und Böhmdorfer folgte.

In der Justiz wurde er mit Skepsis begrüßt: Der Anwalt des FPÖ-Chefs als Aufseher jener Staatsanwaltschaften, die auch über Fälle mit FPÖ-Bezug entscheiden mussten? Böhmdorfer versuchte zu kalmieren, wurde dabei aber vom eigenen Innenleben überrumpelt, das sich wenig darum schert, was Kritiker von ihm halten. Als Haider in den Sog der Ermittlungen der Spitzelaffäre geriet, sagte Böhmdorfer in einem Interview salopp, sein Ex-Mandant sei "über jeden Verdacht erhaben". Dass das für Empörung sorgte, will Böhmdorfer bis heute nicht verstehen, er fühlt sich missverstanden. Er habe doch nur darauf hinweisen wollen, dass kein Ermittlungsverfahren gegen Haider anhängig war. Dass er selbst es war, der ein solches im Handumdrehen hätte lancieren oder abwürgen können – eine lässliche Koinzidenz.